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Bismillah
MUSLIMISCHE HEILIGE * und MYSTIKER http://www.islamheute.ch/hassan.html Geschichten aus dem Tadhkirat al-Auliya’ (Erinnerung an die Heiligen) von Fariduddin
ATTAR Übersetzt von M.M. Hanel * (Heilige = Gottanvertraute) aus: Muslim Saints and
Mystics http://www.omphaloskepsis.com/ebooks/pdf/mussm.pdf Episodes from the Tadhkirat
al-Auliya’ (Memorial of the
Saints) by Farid al-Din Attar Translated by A. J. Arberry INHALT: Al-Hasan ibn Abi ‘l Hasan
al-Basri wurde im Jahr 21 n.H. (642 n.Chr.) als Sohn eines Sklaven, der in
Maisan gefangen genommen wurde und später ein Auftraggeber von Zaid ibn
Thabet, dem Sekretär des Propheten Muhammad gewesen war, in Medina geboren.
In Basra erzogen, traf er viele der Gefährten des Propheten, und auch, so
wird erzählt, siebzig von jenen, welche die Schlacht um Badr geschlagen
hatten. Er wuchs auf, um eine der bedeutendsten Persönlichkeiten seiner Zeit
zu werden und wurde für seine kompromisslose Frömmigkeit und der unverblümten
Verurteilung der Weltlichkeit in den Palästen bekannt. Die Theologen der
Mu’tazeliten vereinnahmen ihn als den Gründer ihrer Bewegung
(‘Amr ibn ‘Obaid and Wasel ibn ‘Ata’ werden unter
seine Schüler gezählt) und in den Sufi Analen wird er als einer der größten
Heiligen des frühen Islams genannt. Er starb 110 (728) in Basra. Viele seiner
Vorträge – er war ein brillanter Redner – und Aussprüche werden
von arabischen Autoren zitiert und eine nicht geringe Anzahl seiner Briefe blieben
erhalten. Hasan von Basras Eintritt in den Islam Der Beginn seines Eintritts in den
Islam trug sich folgendermaßen zu. Er war ein Edelsteinhändler und wurde der
„Perlen-Hasan“ genannt. Er trieb Handel mit Byzanz und hatte es dabei
mit Caesars Generälen und Ministern zu tun. Als er einmal in Byzanz war,
besuchte er den Premierminister und unterhielt sich eine Weile mit diesem. „Wir gehen jetzt an einen
bestimmten Ort, wenn du einverstanden bist“, sagte der Minister zu ihm.
„Wie du es bestimmst, bin ich
damit einverstanden“, antwortete ihm Hasan. Daraufhin ließ der Minister ein
Pferd für Hasan bringen. Sie saßen auf und ritten fort. Als sie bis ins
Wüstengebiet gelangt waren, erblickte Hasan ein Zelt aus feinstem
byzantinischem Brokat, mit seidenen Seilen fest an goldenen Zeltpflöcken
verankert. Sie hielten an dessen Seite und alsdann erschien eine mächtige
Armee, in schwerer Kriegsrüstung, umrundete das Zelt und nachdem einige Worte
gesprochen wurden, rückte sie wieder ab. Alsdann erschienen an die
vierhundert Philosophen und Gelehrte, die ebenfalls das Zelt umrundeten, ein
paar Worte sprachen und wieder verschwanden. Danach tauchten dreihundert
weise, alte, weißbärtige Männer auf, auch sie umrundeten das Zelt, sprachen
einige Worte und gingen wieder fort. Darauf hin kamen mehr als zweihundert
schöne, mondgesichtige Jungfrauen, jede von ihnen trug ein goldenes, mit
Silber und Endelsteinen geschmücktes Tablett und auch sie umrundeten das
Zelt, sprachen einige Worte und wandten sich wieder fort. Hasan erzählte, dass er völlig
verblüfft und verwundert war und sich fragte, was das wohl auf sich gehabt
hatte. „Als wir absaßen“, so
erzählte er weiter, „fragte ich den Minister. Er sagte, dass der Caesar einen Sohn
von unübertroffener Schönheit, gebildet in allen Wissenschaften und
ohnegleichen in der Arena der Männlichkeit gehabt hatte, den er aus ganzem
Herzen liebte.“ Unvermutet war dieser krank geworden
- so erzählte Hasan gemäß des Ministers Bericht. Keinem der hoch
qualifizierten Ärzten vermochte seine Heilung gelingen und schließlich
verstarb er und wurde in genau diesem Zelt begraben und einmal im Jahr kämen
die Leute hier heraus, um ihn zu besuchen. Zuerst marschiert die Armee auf,
umrundet das Zelt und man spricht folgendes: „O Prinz, wenn das Übel,
welches dich befallen hat im Krieg erschienen wäre, hätten wir alle unsere
Leben für dich geopfert um dich zurück zu erobern. Doch die Umstände die dich
trafen hält jener in Händen, gegen den wir nicht kämpfen können, den wir
nicht herausfordern können.“ So sagen sie und kehren dann zurück. Die Philosophen und Gelehrten, die
anschließend erscheinen sprechen: „Gegen jenen, welcher deine
Verfassung verursachte, kann all unsere Gelehrsamkeit, Philosophie,
Wissenschaft und unser Denken nicht an. Denn alle Philosophen der Welt sind
vor ihm machtlos und alle Gelehrten unwissend im Hinblick auf sein Wissen.
Wäre es anders, hätten wir Heilmittel eingesetzt und Worte gesprochen, gegen
die es in aller Schöpfung keinen Widerstand gegeben hätte.“ So ist ihre
Rede und dann kehren sie zurück. Als nächstes kommen die ehrwürdigen
Alten und sagen folgendes: „O Prinz, wenn diese Umstände, die dich
getroffen haben durch die Intervention der Ältesten zurecht gerückt hätten
werden können, so hätte wir alle demütig darum gebeten und sie von dir
abgewendet. Doch diese Umstände wurden von einem über dich gebracht, gegen
den der Einwand eines Sterblichen nichts nützt.“ So sprechen sie und
verlassen den Ort. Nun erscheinen die schönen
Jungfrauen mit ihren goldenen, mit Edelsteinen geschmückten Tellern, umrunden
das Zelt und sagen: „Sohn des Caesar, wenn die Umstände welche dich
betrafen durch Schönheit und Reichtum hätten von dir abgewendet werden
können, hätten wir uns aufgeopfert und große Summen hingegeben und dich nicht
im Stich gelassen. Doch der, welche diese Umstände über dich brachte,
beachtet weder Reichtum noch Schönheit.“ Danach kehren auch sie zurück. Dann betritt der Ceasar selbst mit
seinen Ministern das Zelt und spricht: „O Auge und Licht deines Vaters,
O Frucht deines Vaters Herzen, O du von deinem Vater innig Geliebter, was
kann die Hand deines Vaters ausrichten? Dein Vater brachte ein mächtiges
Heer, er brachte Wissenschaftler und Gelehrte, Fürsprecher und Berater,
schöne Jungfrauen, Reichtum und allen erdenklichen Luxus. Wenn das alles
irgendeinen Nutzen hätte, würde dein Vater alles tun, was in seiner Macht
stünde. Doch diese Umstände wurden von einem über dich gebracht, gegenüber
dem dein Vater, mit all seiner Macht, seinem Staatsapparat, seiner Armee und
seinem Gefolge, seinem Luxus und Reichtum, gar nichts vermag. Friede sei mit
dir, bis nächstes Jahr.“ Nachdem er dies gesagt hat, kehrt auch er
zurück. Diese Worte des Ministers bewegten
Hasan so sehr, dass er ganz außer sich geriet. Sofort traf er Vorkehrungen
für seine Rückkehr. In Basra angekommen, schwor er einen Eid nie wieder zu
lachen, bis ihm sein endgültiges Schicksal klar geworden wäre. Er gab sich
von da an mit einer Disziplin, die keiner seiner Zeit hätte aufrechterhalten
können, aller Art von Andacht, Entbehrungen und Bußübungen hin. Hasan von Basra und Abu Amr Es wird erzählt, dass Abu Amr, die
führende Autorität in der Rezitation des Qur’ans, als er eines Tages
Qur’anunterricht gab, einen wunderschönen Knaben seine Klasse betreten
sah. Abu Amr sah den Knaben auf unziemliche Art an und vergaß von diesem
Moment an den gesamten Qur’an von A
„Alles Lob“ bis zum n
„Dschinn und der Menschen“. Ein Feuer ergriff ihn und er verlor
völlig seine Beherrschung. In diesem Zustand rief er nach Hasan von Basra und
beschrieb ihm seine üble Situation. „Meister“, weinte er
bitterlich „so ist die Lage. Mir ist der komplette Qur’an
entfallen.” Hasan war verzweifelt, als er davon
erfuhr. “Es ist die Zeit für die
Pilgerfahrt gekommen”, sagte er, „geh und verrichte sie und wenn
du damit fertig bist, begib dich zur Moschee von Khaif. Dort wirst du einen
alten Mann in der Gebetsnische sitzen finden. Verschwende seine Zeit nicht
und warte bis er mit allem fertig ist. Dann bitte ihn, für dich zu
beten.“ Abu Amr tat wie ihm gesagt war. Er
saß also in einer Ecke der Moschee und sah einen ehrwürdigen alten Mann, der
von einer Menge Leute umgeben war. Es verging einige Zeit, als ein Mann mit
fleckenlos weißem Gewand eintrat. Die Leute machten ihm Platz, grüßten ihn
und sprachen mit ihm. Als die Stunde des Gebets kam, verließ der Mann die
Moschee und die Leute mit ihm, so dass der alte Mann alleine zurückblieb. Abu Amr ging hin zu ihm und grüßte
ihn. „Im Namen Allahs, hilf
mir“, flehte er und schilderte seine Not. In höchster Anteilnahme richtete der
alte Mann seinen Blick zum Himmel. „Er hatte seinen Kopf noch
nicht wieder gesenkt“, erinnerte sich Abu Amr, „als der
Qur’an mir zurückkam. Voll Freude fiel ich ihm zu Füßen.“ „Wer hat mich dir
empfohlen?“ fragte der ehrwürdige Alte. „Hasan von Basra“,
antwortete Abu Amr. “Jeder der Glauben (iman) hat wie Hasan”, bemerkte der alte Mann, “wie
bedarf ein solcher eines anderen? Nun, Hasan hat mich aufgedeckt, so will ich
das gleiche mit ihm tun. Er hat meinen Schleier zerrissen, so will ich denn
auch seinen Schleier reißen. Dieser Mann“ fuhr er fort, „der im
weißen Gewand, der nach dem Nachmittagsgebet bei uns eintrat und vor allen
anderen wieder ging, den die anderen begrüßten – das war Hasan. Jeden
Tag betet er das Nachmittagsgebet in Basra und kommt dann her, wir sprechen
miteinander und dann kehrt er nach Basra für das Abendgebet zurück. Jeder der
einen Glauben wie Hasan besitzt, warum sollte er mich um ein Gebet
fragen?“ Hasan von Basra und der Feueranbeter Hasan hatte einen Feueranbeter als
Nachbar mit Namen Simeon. Simeon wurde todkrank und war knapp davor zu
sterben. Freunde Hasans baten ihn, einen Nachbarn zu besuchen; er folgte
diesem Ruf und suchte den Kranken auf, der in seinem Bett, mit Ruß
geschwärztem Gesicht lag. „Fürchte Gott“, war
Hasans Rat. „Dein ganzes Leben hast du inmitten Feuer und Rauch
verbracht. Nimm den Islam an, dass Gott mit dir Erbarmen haben möge.“ „Drei Dinge halten mich davon
ab Muslim zu werden“, antwortete der Feueranbeter. „Das erste
ist, dass du schlecht von der Welt sprichst und dennoch verfolgst du Tag und
Nacht weltliche Angelegenheiten. Zweitens sagst du, der Tod wäre eine
Tatsache, der man ins Auge blicken muss und dennoch triffst du keine
Anstalten ihm zu begegnen. Und drittens sagst du, dass man Gottes Antlitz
erblicken wird und dennoch tust du alles ganz im Widerspruch zu Seinem
Wohlgefallen.“ „Dies ist das Merkmal jener,
die wirklich wissen“, sagte Hasan. „Wenn Gläubige sich so
verhalten wie es beschreibst, was hast du zu sagen? Sie bezeugen die
Einzigkeit Gottes; wohingegen du dein Leben mit Feueranbeten verbracht hast.
Du hast siebzig Jahre lang das Feuer verehrt und ich habe solches nie getan
– und dennoch werden wir beide in die Hölle verbracht. Uns beide wird
die Hölle verschlingen. Gott wird dich nicht beachten; doch so Gott will,
wird das Feuer es nicht wagen, mir auch nur ein Härchen zu versengen. Denn
das Feuer wurde von Gott erschaffen, und das Geschöpf ist dem Schöpfer
untertan. Also komm, der du siebzig Jahre das Feuer verehrt hast, lass uns
beide unsere Hände in das Feuer halten und darin belassen, dann wirst du mit
eigenen Augen die Kraftlosigkeit des Feuers und die Allmacht Gottes erkennen.“
Mit diesen Worten hielt Hasan seine
Hände ins Feuer. Nicht ein bisschen wurden sie verbrannt. Als Simeon dies
sah, war er erstaunt. Der Morgen des wahren Wissens brach an. „Siebzig Jahre lang habe ich
das Feuer verehrt“, stöhnte er, „und jetzt verbleiben mir nur
noch wenige Atemzüge. Was soll ich tun?“ „Werde Muslim“, war
Hasans Antwort. „Wenn du es mir schriftlich
gibst, dass Gott mich nicht bestrafen wird“, sagte Simeon, „dann
will ich glauben. Aber bevor ich es nicht schriftlich habe, werde ich nicht
glauben.“ Hasan schrieb es nieder. „Nun
lass aufrichtige Zeugen aus Basra kommen und ihre Beglaubigung darunter
setzen.“ Dann vergoss Simeon eine Menge Tränen, bezeugte den Glauben
und teilte Hasan seinen letzten Willen mit. „Wenn ich sterbe, bitte sie
mich zu waschen und dann mit eigenen Händen in die Erde zu legen und dieses
Dokument in meine Hände zu legen. Dieses Dokument wird mein Beweis
sein.“ Nachdem er Hasan zu all dem
verpflichtet hatte, sprach er das Glaubenbekenntnis und verstarb. Sie wuschen
seinen Körper, sprachen das Totengebet über ihm und begruben ihn mit dem
Dokument in seiner Hand. Diese Nacht ging Hasan zu Bett und dachte lange
darüber nach, was er getan hatte. „Wie kann ich einem
Ertrinkenden helfen, wenn ich selbst am Ertrinken bin? Habe ich doch nicht
mal die Kontrolle über meinen eigenen Glauben, wie konnte ich es wagen, Gott
vorzuschreiben, was Er zu tun hätte?“ Über diesen Gedanken schlief er
ein. Im Traum sah er Simeon leuchten wie eine Kerze, mit einer Krone auf dem
Haupt, in feinstes Gewand gekleidet, lächelnd im Paradiese wandeln. „Wie geht es dir,
Simeon?“ fragte Hasan. “Warum fragst du? Du siehst
doch selbst“, antwortete Simeon. “Gott der Allmächtige brachte
mich in Seiner Güte in Seine Gegenwart und lies mich gnadenvoll Sein Antlitz
schauen. Die Huld die Er mir entgegenbrachte sprengt jegliche Beschreibung.
Du hast dich deines Versprechens als würdig erwiesen, so nimm dieses Papier
zurück, ich brauche es nicht mehr.“ Als Hasan erwachte, fand er das
Dokument in seiner Hand. „Herr, Gott“, rief er
„ich weiß sehr gut, dass was Du tust, das tust Du ohne es zu begründen,
ausgenommen davon ist Deine Großzügigkeit. Wem sollte es an Deiner Tür an
irgendwas ermangeln? Du gestattest es aufgrund eines einzigen Ausspruchs (des
Glaubensbekenntnisses) einem tapferen siebzigjährigen Mann in Deine
Gegenwart zu gelangen. Wie willst Du dies dann einem siebzigjährigen
Gläubigen verweigern?“ Malek ibn Dinar al-Sami war der Sohn
eines persischen Sklaven aus Sejestan (oder Kabul) und war ein Schüler des
Hasan von Basra. Er findet als verlässlicher Überlieferer Erwähnung, der von
Persönlichkeiten wie Anas ibn Malek und Ibn Sirin berichtete. Er war ein
beachteter Qur’an Kalligraf und starb um 130 (748). Wie Malek-e Dinar zu seinem Namen kam und die Geschichte
seiner Reue Als Malek geboren wurde, war sein
Vater noch Sklave; so wenn er auch als Sklave geboren wurde, war er dennoch
in beiden Welten frei von jeder Fessel. Es wird erzählt, dass Malek-e Dinar
einmal ein Schiff bestieg und als das Schiff schon weit draußen war,
verlangten die Seeleute: „Bezahle deine
Überfahrt.“ „Ich hab nichts zu
bezahlen“, war seine Antwort. Darauf schlugen sie ihn zusammen,
bis er ohnmächtig war. Als er wieder aufwachte, schrieen sie ihn wieder um
das Fahrgeld an und der Dialog und die körperlichen Ausschreitungen
wiederholten sich. Als er wieder zu sich kam, verlangten sie ein drittes Mal. „Bezahle deine Überfahrt.“ „Ich hab nichts zu
bezahlen“, war auch diesmal seine Antwort. „So lasst ihn uns bei den
Füßen ergreifen und überbord werfen“, sagten sie zueinander. Im selben Moment steckten alle
Fische im Wasser ihren Kopf heraus und ein jeder von ihnen trug zwei
Golddinare im Maul. Malek langte hinunter, nahm zwei Dinare von einem Fisch
und gab sie den Seeleuten. Als diese das sahen, fielen sie vor ihm auf die
Knie. Er aber stand auf und ging über das Wasser davon. Darum wird er Malek-e Dinar genannt. Sein Eintritt in den Islam wird uns
wie folgt überliefert. Er war ein sehr hübscher Mann, den
weltlichen Dingen äußerst zugetan und einigermaßen vermögend. Er lebte in
Damaskus, wo Mu’awiya eine imposante Moschee mit großzügiger
Ausstattung hatte erbauen lassen. Malek wollte unbedingt der Verwalter dieser
Moschee werden und so nahm er seinen Gebetsteppich, rollte ihn in einer Ecke
der Moschee auf und verbrachte ein ganzes Jahr im Gottesdienst dort, in der
Hoffnung, dass jeder der die Moschee betreten würde, ihn dort im Gebet sehen
würde. „Was bist du nur für ein
Heuchler“, pflegte er zu sich selbst zu sagen. So verging ein Jahr. In der Nacht
verließ er gewöhnlich die Moschee, um seinen Vergnügungen nachzugehen. Als er
in einer dieser Nächte sich der Musik hingegeben hatte und seine Kameraden
bereits eingeschlafen waren, hörte er plötzlich eine Stimme aus der Laute
kommen, die er gerade schlug. „Malek, was fehlt dir, dass du
nicht bereust?“ Als er das hörte, ließ er das
Instrument fallen und lief völlig verwirrt in die Moschee zurück. „Ein ganzes Jahr habe ich den
Gottesdienst in der Manier der Heuchler verrichtet“, sprach er zu sich
selbst. „Ist es denn nicht besser, Gott in Aufrichtigkeit zu verehren?
Ich schäme mich daher. Was soll ich tun? Selbst wenn sie mir diesen Posten
nun antragen sollten, werde ich ihn nicht annehmen.” So beschloss er für sich und wandte
sich nun in rechtem Bewusstsein Gott zu. Diese Nacht verbrachte er seine
Andacht mit einem reinen Herzen. Nächsten Tag versammelten sich die
Leute vor der Moschee wie sonst auch. „Warum gibt es da Risse in der
Moschee“, riefen sie. „Wir sollten eine Aufsichtsperson ernennen,
die sich um solche Dinge kümmert und in Ordnung hält.“ Sie kamen einstimmig zum Schluss,
dass niemand für diese Aufgabe besser geeignet wäre als Malek. So gingen sie
zu ihm. Er war mitten im Gebet und sie warteten geduldig bis er damit fertig
war. „Wir sind zu dir gekommen, um
dich zu bitten, diese Bestellung anzunehmen“, sagten sie. „O Gott“, rief Malek,
„ich habe Dir ein Jahr lang wie ein Heuchler gedient und keiner hat
mich auch nur angesehen. Nun nachdem ich Dir mein Herz zugewandt habe und
fest beschlossen habe, diese Berufung abzulehnen, schickst Du zwanzig
Leute, mir diese Aufgabe aufzuerlegen. Bei Deiner Ehre, ich will sie
nicht.“ Er lief aus der Moschee und wandte
sich dem Dienst des Herrn zu und nahm ein Leben der Enthaltsamkeit und
Disziplin auf. Er wurde deshalb dermaßen respektiert, dass, als ein reicher
Bürger aus Basra starb und dieser eine liebreizende Tochter hinterließ, sie
sich an Thabet-e Bonani wandte: „Ich wünsche die Ehefrau des
Malek zu werden“, teilte sie mit, „dass er mir in der Aufgabe
beistünde, Gott zu gehorchen.“ Thabet überachte dies dem Malek. „Ich habe mich von der Welt
getrennt“, erwiderte Malek. „Diese Frau gehört zu dieser Welt von
der ich mich getrennt habe. Ich kann sie nicht heiraten.“ Malek und sein liederlicher Nachbar Ein bestimmter junger Mann lebte in
Maleks Nachbarschaft, der in seinem Lebenswandel außerordentlich verderbt und
liederlich war. Malek wurde durch sein schlechtes Verhalten ständig
belästigt, doch geduldig wartete er darauf, dass jemand anders etwas sagen
würde. Um es kurz zu machen, sprachen nach einiger Zeit weitere Nachbarn bei
Malek vor, um sich über den jungen Mann zu beschweren. Malek erhob sich also,
ging zu ihm und ersuchte ihn, sein Betragen zu bessern. Der Jüngling
reagierte allerdings sehr uneinsichtig und in grober Weise. „Ich bin ein Günstling des
Sultans“, erwiderte er Malek. „Niemand hat das Recht mich zu
beschränken oder mich von meinem Tun abzuhalten.“ „Ich werde mit dem Sultan
reden“, drohte Malek. „Dadurch wird sich der Sultan
in seiner Zuneigung zu mir nicht abbringen lassen“, ließ der Junge
wissen. „Was immer ich tue, er wird es gut heißen.“ „Nun gut, wenn der Sultan
nichts wird ausrichten”, fuhr Malek fort, “werde ich mit dem
Allmächtigen reden”, und zeigte gegen Himmel. „Ha“, gab der Junge
zurück, „der ist viel zu großzügig, um mich zur Verantwortung zu
ziehen.“. Da verschlug es Hasan die Sprache
und er verließ den Jungen. In den nächsten Tagen schlug der junge Mann über
alle Schranken und wieder kamen die Leute und beschwerten sich. Hasan erhob
sich, um ihn zurechtzuweisen, doch auf dem Weg zu ihm hörte er eine Stimme. „Hör auf damit, mein
Freund.“ Erstaunt ging er weiter zu dem jungen Mann hin. “Was ist passiert, dass du ein
zweites mal kommst?“ wollte der Junge wissen. „Ich bin dieses mal nicht
gekommen, um dich zu schelten“, antwortete Malek. „Ich bin nur
gekommen, um dir von dieser Stimme zu berichten.“ „Ah – wenn das so ist,
so weihe ich meinen Palast Seinem Dienst“, gab der junge Mann zurück.
Mein Vermögen will ich nicht länger achten.“ Nach diesen Worten ließ er
alles zurück und zog aus in die Welt. Malek erzählte, dass er diesen
jungen Mann einige Zeit später in Mekka wieder traf, offensichtlich bettelarm
und in den letzten Zügen. „Er ist mein Freund“, keuchte er.
„Ich bin ausgezogen, um meinen Freund zu sehen.“ Und nach diesen
Worten gab er seinen Geist auf. Malek und seine Enthaltsamkeit Jahre vergingen, ohne dass etwas
Süßes oder Saures über Maleks Lippen gekommen wäre. Jede Nacht begab er sich
zu einem Bäcker um zwei Laibe Brot zu kaufen, mit welchen er sein Fasten zu
brechen pflegte. Manchmal war das Brot sogar noch warm, was ihm sehr gefiel
und seinen Appetit anregte. Eines Tages wurde er krank und ein
unbändiges Verlangen nach Fleisch befiel sein Herz. Zehn Tage lang zügelte er
dieses Verlangen, doch dann konnte er sich nicht mehr länger beherrschen und
ging zu einem Feinkostladen und kaufte zwei oder drei Schafshaxen und steckte
sie ein. Der Ladenbesitzer schickte ihm seinen Lehrling nach um zu erfahren,
was er wohl damit anstellen würde. Nach kurzer Zeit kam der Junge mit Tränen
in den Augen zurück. „Von hier ging er zu einer
einsamen Stelle“, berichtete er. „Dort nahm er die Schafsbeine
heraus, küsste sie zwei, drei mal und sagte dann: „O meine Seele, mehr
als dies kommt dir nicht zu.“ Dann gab er das Brot und die Schafsbeine
einem Bettler und sagte: „O du mein schwacher Körper, glaube nicht,
dass ich dir all dieses Leid aus Feindschaft auferlege. Viel eher sollst du
am jüngsten Tag der Auferstehung nicht in der Hölle brennen. Sei noch einige
Tage geduldig und vielleicht wird dann diese Versuchung enden und du wirst
eines Segens gewärtig, der niemals enden wird.“ Ein anderes Mal sagte Malek:
„Ich verstehe die Bedeutung des Ausspruchs nicht, dass, wenn ein Mann
vierzig Tage kein Fleisch isst, sein Verstand abnimmt. Ich habe seit zwanzig
Jahren kein Fleisch mehr gegessen und mein Verstand wird stärker jeden Tag. Vierzig Jahre lebte er in Basra und
aß niemals frische Datteln. Wenn die Zeit ihrer Reife kam pflegte er zu
sagen: „Hört ihr Leute aus Basra, mein Bauch ist bislang nicht kleiner
geworden, weil er keine reife Datteln zu essen bekam – und euer wurde
nicht größer.“ Nach vierzig Jahren wurde er von
einer gewissen Unruhe heimgesucht. So sehr er sich auch bemühte, konnte er
sein Verlangen nach frischen Datteln nicht mehr unterdrücken. Endlich, nach
ein paar Tagen, während seine Lust auf frische Datteln immer größer geworden
war und er sie dennoch ständig verleugnete, konnte er dem Druck seiner
fleischlichen Seele nicht mehr widerstehen. „Ich werde keinesfalls frische
Datteln essen“, protestierte er, „entweder bring mich um, oder
stirb selbst!“ In der Nacht vernahm er eine
himmlische Stimme: „Du musst ein paar Datteln
essen. Befreie deine fleischliche Seele aus ihren Fesseln.“ Auf diese Reaktion hin, nutzte seine
fleischliche Seele die Gelegenheit und begann laut zu schreien. „Wenn du Datteln
willst“, sagte Malek, „dann faste eine Woche lang, ohne ein
einziges mal das Fasten zu brechen, und bete die ganze Nacht. Dann werde ich
dir ein paar geben.“ Dies stellte seine Seele ruhig und
eine ganze Woche lang fastete er am Tag und die Nächte hindurch betete er.
Alsdann ging er auf den Markt und kaufte einige Dattel, begab sich zur
Moschee und wollte sie dort essen. Da rief ein Junge von einem Dach herunter. “Vater! Ein Jude hat Datteln
gekauft und geht in die Moschee um sie dort zu essen.“ „Was hat ein Jude in der Moschee
verloren“, rief der Mann zurück und rannte, um zu sehen, wer dieser
Jude wohl wäre. Als er Malek erkannte, fiel er auf die Knie. „Was hat dieser Junge
gerufen?” wollte Malek wissen. „Verzeih ihm Meister“,
bat der Vater des Jungen. “Er ist bloß ein Kind und versteht noch
nichts. In unserem Viertel leben viele Juden. Wir fasten ständig und unsere
Kinder sehen die Juden untertags essen. So glauben sie, dass jemand der
untertags isst, ein Jude wäre. Was er sagte, sprach er aus Unwissenheit.
Vergib ihm”. Als Malek dies hörte, verschlang ein
Feuer seine Seele. Er begriff, dass es Eingebung gewesen war, welches das
Kind so hatte sprechen lassen. „Herrgott“, rief er,
„ich habe noch keine Datteln gegessen und Du nennst mich einen Juden
durch den Mund eines unschuldigen Knaben. Wenn ich Datteln gegessen hätte, Du
hättest mich einen Ungläubigen genannt. Bei Deiner Ehre, wenn ich jemals
Datteln essen sollte“. Habib ibn Mohammad al-‘Ajami
al-Basri, ein Perser der sich in Basra niedergelassen hatte, war ein
beachteter Überlieferer, der von Hasan al Basri, Ibn Sirin und anderen
Persönlichkeiten berichtet hatte. Seine Bekehrung von einem bequemen Leben
der Genusssucht war durch al Hasans Redekunst eingeleitet worden; er war ein
häufiger Zuhörer seiner Vorträge und wurde einer seiner engsten Gefährten. Die Geschichte von Habib dem Perser Habib war ein vermögender Mann und
ein Wucherer. Er lebte in Basra und machte jeden Tag seine Runde unter seinen
Kunden, um sie zu dun. Wenn er kein Geld von ihnen bekam, stellte er ihnen
den Abrieb seiner Ledersohlen in Rechnung. Auf diese Art verschaffte er sich
seine Tageseinkünfte. Eines Tages ging er zu einem seiner Schuldner. Da er
ihn nicht zu Hause antraf, verlangte er Entgelt für den Verschleiß seiner
Schuhsohlen. „Mein Mann ist nicht zu
Hause“, erklärte ihm des Schuldners Frau“, und ich habe nichts
was ich dir geben könnte. Wir haben ein Schaf geschlachtet und nur der Hals
ist mehr übrig. Wenn du willst, gebe ich ihn dir.“ „Das ist zumindest
etwas“, meinte der habgierige Mensch im Glauben, er könnte ihr den Hals
abnehmen und mit nach Hause tragen. „Stell einen Topf aufs
Feuer“. „Ich habe weder Brennholz noch
Brot“, antwortete die Frau. “Na gut, ich werde beides
besorgen”, erwiderte der Mann “und es wird zum Schuhleder
dazugerechnet.” Er ging und besorgte beides und die
Frau stellte den Topf auf. Als alles fertig gekocht war und die Frau den
Inhalt in eine Schale gießen wollte, klopfte ein Bettler an die Tür. „Wenn wir dir geben was wir
haben“, schrie in Habib an, „wirst du nicht reicher, aber wir
werden selbst arm werden.“ Der Bettler, verzweifelt, bat die
Frau doch etwas in die Schale zu schütten. Sie hob den Deckel des Kochtopfs
und stellte fest, dass sich all sein Inhalt in schwarzes Blut verwandelt
hatte. Weiß vor Schreck lief sie zu Habib und führte ihn zu dem Topf. „Schau was uns nun wegen
deiner verdammten Gier und Schreierei passiert ist!“ rief sie.
„Wie wird es uns jetzt in dieser Welt und ganz zu schweigen von der
nächsten ergehen?“ Als er das sah, fühlte Habib in sich
ein Feuer entflammen, welches nie wieder erlöschen sollte. „Frau“, sagte er“,
„ich bereue alles was ich getan habe.“ Nächsten ging er wieder auf seine
Kundentour. Es war ein Freitag und die Kinder spielten auf den Strassen. Als
sie Habib erblickten fingen sie zu rufen an. „Da kommt Habib der Geizhals.
Lauft weg, denn wenn sich sein Staub auf uns legt, werden wir so verdammt wie
er!“ Durch diese Worte tief verletzt,
ging Habib weiter zur Moschee wo gerade Hasan von Basra in einer Versammlung
etwas sprach, was Habib geradewegs ins Herz traf und er fiel stracks darauf
hin in Ohnmacht. Als er aufwachte, war er von tiefer Reue überkommen. Hasan,
der erkannt hatte was passiert war, nahm ihn bei der Hand und beruhigte ihn. Als er von der Versammlung wegging,
entdeckte ihn einer seiner Schuldner, der sich sofort davon machen wollte. „Lauf nicht weg“, rief
ihn Habib. „Bis heute war es so, dass du von mir weglaufen musstest;
nun ist es so, dass ich von dir fliehen muss.“ Und er ging weiter und traf wieder
auf die spielenden Kinder. Als diese Habib erblickten, begannen sie wieder zu
rufen. „Hier kommt Habib der
Reumütige, lauft weg, damit unser Staub sich nicht auf ihm niederlässt, denn
wir sind sündig im Gesicht Gottes.“ „Mein Herr und Gott!“
rief Habib „Aufgrund des heutigen Tages habe ich meinen Frieden mit Dir
gefunden, Du hast die Trommeln der Herzen der Menschen für mich schlagen
lassen und meinen Namen als tugendhaft verkünden lassen.“ Dann ließ er verlautbaren. „Wer immer etwas von Habib
begehrt, er trete vor und hole es sich.“ Also kamen die Leute und er
verschenkte all seinen Besitz bis auf den letzten Cent. Da kam noch einer der
etwas verlangte und Habib, der schon nichts mehr besaß, gab ihm den Umhang
seiner Frau. Einem anderen gab er sein Hemd und blieb unbekleidet zurück. Er
zog sich in die Einsiedelei in der Nähe des Euphrats zurück und gab sich dort
ganz dem Gottesdienst hin. Tag und Nacht lernte er von Hasan, doch schaffte
er es nicht die Qur’an Rezitation zu erlernen. Daher stammt sein
Spitzname „der Barbar“. Die Zeit verging und er war völlig
mittellos geworden und eines Tages seine Frau verlangte unablässig
Haushaltsgeld von ihm. So ging Habib aus dem Haus in seine Einsiedelei um
seine Anbetungen wieder aufzunehmen. Als die Nacht anbrach, kehrte er nach
Hause zu seiner Frau zurück. „Wo hast du gearbeitet, dass
du gar nichts mit nach Hause bringst?“ wollte seine Frau wissen. „Der mit dem ich arbeitete,
ist so großherzig“, erwiderte Habib, „dass ich es nicht wage, Ihn
um etwas zu bitten. Wenn die rechte Zeit kommt, wird er mich auszahlen, denn
er sagt, „Ich zahle alle zehn Tage den Lohn.““ Jeden Tag zog Habib sich also in
seine Einsiedelei zur Andacht zurück, bis zehn Tage um waren. Am zehnten Tag,
so um die Zeit des Mittagsgebets kam ihm ein Gedanke in den Sinn. „Was werde ich heute mit nach
Hause kommen, und was werde ich meiner Frau erzählen?“ Dieser Gedanke beschäftigte ihn
sehr. Sofort schickte ihm der Allmächtige Gott einen Träger zu seinem Haus
mit einer ganzen Eselladung Mehl, einer weiteren mit gehäuteten Schafen und
noch einer mit Öl, Honig, Gewürzen und Früchten. Die Träger luden alles auf,
die von einem hübschen jungen Mann begleitet wurden, der eine Börse mit
dreihundert Silberdinaren mit sich trug. Vor Habibs Haus angekommen, klopfte
dieser an die Eingangstür „Was wollt ihr?“ fragte Habibs Frau,
die die Tür aufgemacht hatte. „Der Meister hat all dies
geschickt“ antwortete der hübsche Jüngling. „Richte Habib aus,
„Steigere deine Ergebnisse und wir werden deinen Lohn
erhöhen.““ Danach ging er fort. Am Abend machte
sich Habib auf den Heimweg, ganz beschämt und betrübt. Als er zu seinem Haus
kam, stieg ihm der Duft von Brot und Braten in die Nase. Seine Frau kam ihm
grüßend entgegengelaufen, strich ihm zärtlich über das Gesicht und war nett
zu ihm, wie noch niemals zuvor. „Mann“ rief sie,
„der Herr für den du arbeitest ist wirklich ein großzügiger und äußerst
netter Mann. Sieh mal, was er durch einen feschen Jüngling schicken hat
lassen. Und der junge Mann hat ausrichten lassen: „Wenn Habib nach
Hause kommt, sag ihm, er soll seine Ergebnisse steigern, dann werden wir
seinen Lohn erhöhen.““ Habib war erstaunt. „Wundervoll“, rief er
aus. „Ich arbeitete zehn Tage und er ließ mir dafür all diese Wohltaten
zuteil werden. Wenn ich mich mehr anstrenge, wer weiß, was er dann tun
wird?“ Er wandte darauf seine
Aufmerksamkeit gänzlich weg von weltlichen Dingen und gab sich vollständig
dem Gottesdienst hin. Habibs Wundertaten Eines Tage kam eine alte Frau zu
Habib, fiel ihm vor die Füße und weinte bitterlich. „Ich habe einen Sohn, der nun
lange Zeit von mir fort war. Ich kann seine Abwesenheit nicht mehr länger
ertragen. Bete zu Gott.“ flehte sie Habib an. „Es könnte sein,
dass durch den Segen deines Gebetes Gott ihn zu mir zurück schicken
wird.” „Hast du Geld?“ fragte
Habib. „Ja, zwei Dirham“,
antwortete sie. „Bring sie und gib sie den
Armen.“ Und Habib sprach ein Gebet und
sprach dann zu der Frau. „Geh nach Hause, dein Sohn ist
zu dir zurückgekehrt.“ Die alte Frau war noch nicht zuhause
angelangt, als sie schon ihren Sohn erblickte. Unter Freudengeschrei brachte
sie ihn zu Habib. „Was ist passiert?“
wollte Habib von diesem wissen. „Ich war in Kerman“
antwortete der Sohn „als mein Lehrer mich beauftragte etwas zu essen zu
holen. Ich hatte das Essen in Empfang genommen, als mich ein Wind ergriff und
ich eine Stimme vernahm, „Wind, trag ihn nach Hause,
bei Habibs Segen und der beiden Dirhams, die in Almosen ausgegeben
wurden.““ Einmal wurde Habib am 8ten Dhul
Hidjscha in Basra gesehen und am 9ten auf dem Berg Arafat in Mekka. Einmal war der Hunger in Basra
ausgebrochen. Habib kaufte viel an Lebensmittel auf Kredit und spendete diese
als Almosen. Er nahm seine Börse und legte sie unter sein Kopfkissen. Als die
Händler kamen und ihre Bezahlung forderten, nahm er die Börse heraus und sie
war mit Dirhams gefüllt, mit denen er seine Verpflichtungen beglich. Habib besaß in Basra ein Haus an einer
Kreuzung. Er hatte auch einen Pelzmantel, den er Winter und Sommer trug. Als
er einmal die rituelle Waschung zu vollziehen hatte, stand er auf und ließ
seinen Mantel am Boden liegen. Hasan von Basra kam gerade vorbei und sah den
Mantel achtlos am Boden hingeworfen. „Diese Barbaren“, meinte
er, „haben keine Vorstellung vom Wert eines solchen Mantels. Man sollte
ihn nicht einfach hier liegen lassen, er könnte abhanden kommen.“ Also blieb er stehen und passte auf
den Mantel auf. Kurz darauf kam Habib zurück. „Imam der Muslime“, rief
er, nachdem er gegrüßt hatte „warum stehst du hier?“ „Weißt du nicht“,
erwiderte Hasan, dass so ein Mantel nicht unbewacht bleiben sollte. Er
könnte fort kommen. In wessen Aufsicht hast du ihn hinterlassen? “ “Unter der Aufsicht Dessen,
Der dich dazu bestimmt hat darauf aufzupassen“ war Habibs Antwort. Eines Tages besuchte Hasan den
Habib. Dieser setzte dem Hasan all sein Brote und ein wenig Salz vor. Hasan
begann zu essen, als ein Bettler an der Tür erschien. Habib gab das ganze
Brot und Salz diesem Bettler. „Habib“, bemerkte Hasan, „du
bist ein würdiger Mann. Wenn du nur auch ein wenig Verstand hättest, wäre
dies besser. Du hast das Brot unter der Nase deines Gastes weggeschnappt und
alles diesem Bettler gegeben. Du hättest ihm einen Teil davon und den anderen
Teil deinem Gast überlassen sollen.“ Habib blieb still und sagte gar
nichts darauf. Kurz darauf erschien ein Sklave mit einem Korb auf dem Kopf.
Darin war geröstetes Lamm, saftiges Fleisch, frisches Brot und fünfhundert Silber
Dinare. All das stellte er vor Habib nieder. Der verteilte das Geld an die
Armen und das Essen stellte er vor Hasan hin. „Meister“, sagte er,
nachdem Hasan etwas von dem gerösteten Fleisch gegessen hatte, „du bist
ein guter Mann. Wenn du ein wenig mehr Glauben hättest, wäre das besser.
Wissen muss von Glauben begleitet werden.“ Eines Tages suchten Beamte des
Hajiaj nach Hasan, der sich in der Klause des Habib versteckt hatte. „Hast du heute Hasan
gesehen?“ wollten die Beamten von Habib wissen. „Ich hab’ ihn
gesehen“, antwortete Habib. „Wo war das?“ „Hier in dieser Klaus.“ Die Beamten traten ein, doch sie
konnten Hasan einfach nicht finden. (Siebenmal haben ihre Hände mich berührt,
doch sie konnten mich einfach nicht sehen“, berichtete Hasan später.) „Habib“, sagte Hasan,
als er die Klause verließ, „du hast deine Pflicht gegen deinen Meister
nicht erfüllt. Du hast mich verraten.“ „Meister“, gab Habib
zurück, „weil ich die Wahrheit sagte, bist du entkommen. Hätte ich
gelogen, wären wir beide verhaftet worden.“ „Was hast du gebetet, dass sie
mich nicht gesehen haben“, wollte Hasan wissen. „Ich habe den Thron Vers
zehnmal gesprochen“, antwortete Habib. „Zehnmal sagte ich die
Glaubenssätze des Gesandten und zehnmal sagte ich „Kull Huwa Allahu
Ahad“. Dann sagte ich, „O Gott ich habe Hasan nun Dir
überantwortet. Wache über ihn.““ Einmal wollte Hasan an einen
bestimmten Ort gelangen. Er ging hinunter zum Ufer des Tigris und dachte
nach, als Hasan des Weges kam. „Imam“, fragte Habib,
„was stehst du hier?“ „Ich will dort und dort
hin“, antwortete Hasan, „und das Boot hat Verspätung.“ „Was ist los mit dir?“
wollte Habib wissen. „Alles was ich weiß habe ich von dir gelernt.
Verbanne allen Neid aus deinem Herzen und verschließe es vor allen weltlichen
Dingen. Wisse, dass Leiden ein kostbarer Preis zu zahlen ist und alles die
Angelegenheit Gottes ist. Also setz deinen Fuß auf das Wasser und geh.“ Mit diesen Worten trat Habib vor und
ging über das Wasser davon. Hasan fiel in Ohnmacht. Als er wieder zu sich gekommen
war, fragten ihn die Leute. „Imam der Muslime, was ist dir
passiert?“ „Mein Schüler Habib hat mir
gerade eine Lehre erteilt“, gab er Auskunft. „Und dann ist er
einfach über das Wasser davon gegangen, während ich dies nicht zu tun vermag.
Wenn sich morgen eine Stimme erhebt und ruft: „Schreite über dieses
Feuer hinweg“ und ich bleibe dazu unfähig wie heute, was kann ich da
tun?“ Später fragte Hasan Habib:
„Wie hast du diese Fähigkeit bekommen?“ „Ich mache mein Herz weiß,
wohingegen du Papier schwärzt“, antwortet ihm Habib. „Meine Gelehrsamkeit hat wohl
anderen genutzt, doch nicht mir“, kommentierte Hasan dazu. Rabe’a bint Esma’il
al-‘Adawiya, war in bescheidene Verhältnisse geboren und als Kind in
die Sklaverei verkauft worden. Später ließ sie sich in Basra nieder, wo sie
als Heilige und Predigerin zu großer Bekanntheit gelangte und von vielen
ihrer frommen Zeitgenossen hoch geachtet wurde. Der Zeitpunkt ihres Todes
wird unterschiedlich mit 135 (752) oder 185 (801) angegeben. Sie lebte den
Zölibat und ihr wird ein großer Anteil bei der Einführung der Thematik über
die Göttliche Liebe in die Islamische Mystik zugeschrieben. Ihr Grab wird in
der Nähe von Jerusalem vermutet. Rabe’a, ihre Geburt und Jugend Wenn jemand die Frage stellt, warum
Rabe’a nicht unter die Männer eingereiht wird, so ist die Antwort, dass
der Prophet selbst sagte: „Gott achtet nicht auf eure äußere
Formen.“ Der Kern dieser Aussage ist nicht die Form, sondern die
Absicht, so wie der Prophet sagte: „Die Menschen werden gemäß ihrer
Absichten auferstehen.“ Außerdem, wenn es angemessen ist, zwei Drittel
unserer Religion aus den Händen Aishas zu empfangen, so ist es sicherlich
auch zulässig, religiöse Belehrungen von einer Dienstmagd Aishas zu
übernehmen. Wenn eine Frau auf dem Wege Gottes ein “Mann” wird,
ist sie ein Mann und keiner kann sie mehr Frau nennen. In der Nacht, als Rabe’a das
Licht der Welt erblickte, war in ihres Vaters Haus rein gar nichts vorhanden;
denn ihr Vater lebte in sehr ärmlichen Umständen. Er besaß nicht einmal einen
Tropfen Öl um ihren Nabel zu salben; es gab weder Licht, noch eine Decke sie
einzuwickeln. Er hatte bereits drei Töchter und Rabe’a war die vierte;
daher ihr Name. „Geh zu unserem Nachbar
so-und-so und bitte ihn um einen Tropfen Öl, so dass wir wenigstens Licht
machen können“, bat ihn seine Frau. Nun hatte der Mann aber einen
Schwur getan, keinen Sterblichen um irgendetwas zu bitten. So ging er nur
nach draußen, lehnte seinen Kopf an seines Nachbars Tür und kehrte wieder
zurück. „Sie machen die Tür nicht
auf“, berichtete er. Die arme Frau vergoss bittere Tränen. Betrübt
legte der Mann seinen Kopf auf die Knie und schlief ein. Er träumte, dass er
dem Propheten begegnete. „Sei nicht traurig“, bat
ihn der Prophet, „deine Tochter, die gerade das Licht der Welt
erblickte ist eine Königin unter den Frauen, eine Fürsprecherin im Morgen für
siebzigtausend aus meiner Gemeinde“, fuhr der Prophet fort, „geh
zu Isa e-Zaidan, dem Verwalter von Basra. Gib ihm ein Blatt Papier auf
welches du etwa folgendes geschrieben hast: „Jede Nacht sendest du mir
hundert Segenswünsche und an einem Freitag vierhundert. Letzte Nacht war
Feitag und du hast auf mich vergessen. Als Ersatz dafür übergib diesem Mann
vierhundert ehrlich erworbene Dinare.““ Als Rabe’as Vater erwachte,
brach er in Tränen aus. Er stand auf und schrieb auf, was ihn der Prophet
geheißen hatte und sandte diese Nachricht über einen Kammerdiener an den
Verwalter. „Gib zweitausend Dinar den
Armen“, befahl der Verwalter als er das Sendschreiben gelesen hatte,
„als Dankeschön an den Herrn für Seine Erinnerung an mich. Und dem
Scheich gib auch vierhundert Dinar und sag ihm, dass ich wünsche, er möge zu
mir kommen, denn ich will ich sehen, auch wenn ich es nicht für angebracht
halte, dass ein Mann, wie er es ist sich zu mir begibt. Vielmehr sollte ich
zu ihm kommen und mit meinem Bart seinen Staub kehren. Jedenfalls beschwöre
ich ihn bei Gott, wenn er etwas braucht, bitte ich ihn inständig, es mich
wissen zu lassen.“ Der Mann nahm das Gold und kaufte
damit alles Nötige. Als Rabe’a älter geworden war
und ihre Eltern schon gestorben waren, brach eine Hungersnot in Basra aus und
die Geschwister wurden getrennt. Rabe’a wagte sich aus dem Haus und
wurde von einem verruchten Mann aufgegriffen und für sechs Dirham in die
Sklaverei verkauft. Ihr Käufer benutzte sie für harte Arbeit. Eines Tages ging sie die Strasse
entlang, als sie ein Fremder erschreckte. Sie rannte davon, fiel hin und sich
das Handgelenk verletzte. „Gott, Herr“, schrie sie
und beugte ihren Kopf zu Boden, „ich bin ein Fremder, ohne Vater und
Mutter, ein hilfloser Gefangener mit gebrochener Hand. Dennoch will ich nicht
klagen, weil alles was ich brauche ist Deine Zufriedenheit, zu wissen, ob
Dein Wohlgefallen auf mir ruht oder nicht.“ „Sei nicht traurig“,
vernahm sie eine Stimme, „morgen wirst du einen Platz einnehmen, um
welchen dich die Cherubim beneiden.“ Also kehrte Rabe’a zu ihres
Herrn Haus zurück. Untertags fastete sie und diente unablässig Gott und in
der Nacht stand sie im Gottesdienst bis zum Tagesanbruch. Eines Nachts wachte ihr Herr auf und sah
durchs Fenster Rabe’a in Andacht niedergeworfen zu Gott beten: „O Gott, Du weißt, dass es der
Wunsch meines Herzen ist, in Übereinstimmung mit Deinem Befehl zu schlagen
und das Licht meines Auges ist es, an Deinem Hof zu dienen. Wenn es an mir
läge, nicht einen Moment unterbräche ich mein Gottesdienst, doch selbst hast
mich in die Hand eines Geschöpfs gegeben.“ So war ihr Gebet. Ihr Herr nahm eine
Laterne wahr, die über ihrem Kopf herunterhing, ohne irgendwo befestigt zu
sein und dieses Licht erhellte das gesamte Haus. Als er dies sah, bekam er es
mit der Angst zu tun und darüber nachsinnend, konnte bis zum Morgen nicht
mehr einschlafen. Am nächsten Tag rief er nach ihr, war sehr freundlich zu
ihr und ließ sie frei. „Erlaube mir zu gehen“,
sagte Rabe’a und nachdem er sie gehen ließ, verließ sie das Haus und
ging in die Wüste. Danach zog sie sich in eine Klause zurück, wo sie sich
eine Weile dem Gottesdienst hingab. Anschließend entschied sie die
Pilgerreise zu unternehmen und brach in Richtung Wüste auf. Sie packte ihr
Bündel einem Esel auf, doch mitten in der Wüste brach der Esel tot zusammen.
Ihre Reisegefährten schlugen vor, ihre Last zu übernehmen. „Geht nur weiter“, sagte
sie, „ich bin nicht gekommen, um mich euch zu überlassen.“ So setzten die Männer ihre Reise
fort und Rabe’a blieb alleine zurück. „O Gott“, weinte sie,
„behandeln Könige so eine Frau die alleine und machtlos ist? Du hast
mich an Deinen Hof geladen und mitten unterwegs hast Du meinen Esel sterben
und mich alleine zurück bleiben lassen.“ Kaum hatte sie ihre Klage beendet,
als sich der Esel bewegte und wieder auf die Beine kam. Sie lud ihm ihre
Packen auf und setzte ihre Reise fort. (Der Erzähler dieser Geschichte
berichtet, dass er den Esel wieder erkannte, als er auf einem Markt verkauft
wurde.) Sie setzte ihre Reise einige Tage durch die Wüste fort bis sie Halt
machte: Unmittelbar sprach Gott in ihrem
Herzen. „Rabe’a du reist im
Lebensblut von achtzehntausend Welten. Weißt du nicht, wie Moses um eine Vision
Meiner gebetet hat? Ich habe ein paar Staubkörner der Offenbarung auf den
Berg geworfen und der Berg zerfiel in vierzig Teile. Sei also zufrieden hier
mit Meinem Namen!“ Geschichten über Rabe’a Eines Nachts betete Rabe’a in
ihrer Klause, als sie, von Müdigkeit überkommen, einschlief. Sie schlief so
fest, dass sein nicht bemerkte, dass ein Halm der Matte auf der sie schlief,
abbrach und ihr Auge blutig stieß. Ein Dieb war eingestiegen und hatte ihr
Tuch entwendet. Als er sich davonstehlen wollte, fand er den Eingang für ihn
verschlossen. Er ließ das Tuch fallen und verschwand, nachdem er nun die
Türe wieder offen fand. Er kam zurück und griff wieder nach dem Tuch, worauf
er wiederum nicht aus dem Haus kommen konnte. So ließ er das Tuch erneut
fallen. Dies wiederholte sich siebenmal, als er eine Stimme aus einer Ecke
der Klause vernahm. „Mann, tu dir doch solchen
Schmerz nicht an. Es sind nun viele Jahre, dass sie sich Uns anvertraut hat.
Nicht einmal der Teufel wagt es, sich um sie herum zu treiben. Wie könnte ein
Dieb es wagen, um ihr Tuch zu schleichen? Verschwinde Schuft, wenn ein Freund
schläft, so ist der andere Freund wach und hält Wache.“ Zwei angesehene unter den Gläubigen
kamen Rabe’a besuchen und beide hatten Hunger. „Vielleicht gibt sie uns etwas
zu essen“, sagten sie zueinander, „gewiss stammt ihr Essen aus
einwandfreier Quelle.“ Als sie saßen, wurde ein Tuch mit
zwei Laib Brot vor sie gesetzt. Da waren sie hochzufrieden, als just ein
Bettler an der Tür erschien und Rabe’a gab ihm die beiden Brote. Die
zwei religiösen Herrschaften waren verärgert, sagten aber kein Wort. Nach
einer Weile trat ein Dienstmädchen mit einigen frischen, warmen Broten ein. „Meine Herrin schickt
dies“, erklärte sie. Rabe’a zählte die Brote. Es waren achtzehn
Stück. “Vielleicht war es nicht das,
was sie schickte”, bemerkte Rabe’a. Soviel das Dienstmädchen auch
darauf bestand, es half ihr nichts. So nahm sie das Brot und trug sie davon.
Nun war es aber so, dass sie zwei davon für sich genommen hatte. Sie gestand
dies ihrer Herrin, welche die beiden Brote ergänzte und sie wieder zurück
schickte. Rabe’a zählte wieder und dieses Mal waren es zwanzig Stück.
Nun nahm sie die Brote an. „Das ist es, was mir deine
Herrin wirklich geschickt hat“, sagte sie. Sie brachte die Brote den beiden
Herren, welche staunend davon aßen.“ „Was ist das Geheimnis hinter
dieser Sache?“ fragten sie. „Wir hatten Appetit auf deine
Brote, doch die hast du uns weggenommen und einem Bettler gegeben. Dann
sagtest du, dass die achtzehn Brote nicht dir gehörten und als es zwanzig
waren, hast du sie angenommen.“ „Ich wusste dass ihr hungrig
wart, als ihr gekommen seid“, antwortete Rabe’a. „So sagte
ich mir, wie kann ich zwei Brote so noblem Besuch auftischen? Als der Bettler
kam, gab ich sie diesem und sagte zum Allmächtigen Gott „O Gott, Du
hast versprochen zehnfach zu belohnen und daran glaubte ich fest. Nun habe
ich, um Dir zu gefallen, zwei Stück gegeben, auf dass Du zwanzig zurück
erstatten mögest.“ Und als nun achtzehn zu mir gebracht wurden, wusste
ich, dass dabei irgendetwas nicht stimmte oder diese nicht für mich bestimmt
waren.“ Eines Tages wollte das Dienstmädchen
Rabe’as ein Zwiebelgericht zubereiten, denn es war schon einige Tage
her, dass sie zuletzt gekocht hatten. Da sie zuwenig Zwiebel hatten, sagte
sie. „Ich werde beim Nachbarn um
welche bitten”. „Vierzig Jahre habe ich nun
ein Abkommen mit dem Allmächtigen Gott von niemandem auch nur etwas zu
erbitten außer von Ihm, vergiss die Zwiebel“, antwortete Rabe’a. Sofort kam ein Vogel geflogen, der
einige geschälte Zwiebel im Schnabel trug und sie in den Topf fallen ließ. „Ich bin mir nicht sicher, ob
dies nicht ein Trick ist“, meinte Rabe’a und sie ließ den Eintopf
und aß nur Brot. Eines Tages war Rabe’a in die
Berge aufgebrochen. Bald war sie umgeben von Bergziegen und Hirschen,
Steinböcken und wilden Eseln, die sich ihr näherten. Da kam Hasan von Basra
der Rabe’a erblickte und darauf seine Schritte zu ihr hin lenkte. Als
die Tiere Hasan bemerkten, stoben sie in alle Richtungen davon und Rabe’a
blieb allein zurück. Die stürzte Hasan in Betroffenheit. „Warum sind sie von mir
fortgelaufen“, fragte Hasan, „und bei dir waren sie so
zutraulich?“ „Was hast du heute
gegessen?“ fragte Rabe’a den Hasan. „Ein wenig
Zwiebeleintopf!“ „Du hast ihr Fett gegessen“,
merkte Rabe’a an, „sollten sie da nicht vor dir davon
laufen?“ Ein anderes Mal ging Rabe’a
bei Hasans Haus vorbei. Hasan hatte seinen Kopf aus dem Fenster gesteckt und
vergoss bittere Tränen, welche Rabe’as Kleid benetzten. Sie blickte
auf, in der Meinung es wäre Regen; doch als sie Hasan weinen bemerkte sagte
sie zu ihm. „Meister, dieses Weinen ist
ein Zeichen spiritueller Schwäche. Achte auf deine Tränen und lass sie in
deinem Inneren zu solch einem Meer anschwellen, dass dein Herz darin versinkt
und du es nicht mehr finden magst, außer durch das Bewahren eines
Allmächtigen Königs.“ Diese Worte schockierten Hasan, doch
bewahrte er seine Fassung. Einige Zeit später sah er Rabe’a in der Nähe
eines Sees. Er rollte seinen Gebetsteppich auf dem Wasser aus und rief. „Rabe’a komm her und
lass uns zwei Ra’kas beten!“ „Hasan“, gab
Rabe’a zurück, „wenn du spirituellen Kostbarkeiten auf diesem
weltlichen Markt feilhältst, dann sollten diese von solcher Art sein, die
deine Mitmenschen nicht besitzen.“ Mit diesen Worten warf sie ihren
Gebetsteppich in die Luft und schwang sich darauf. „Hasan“, rief sie,
„komm her, wo uns die Leute sehen können!” Hasan, der diese Fähigkeit noch
nicht erworben hatte, blieb still und Rabe’a versucht ihn zu trösten. „Hasan,“ sagte sie,
„was du getan hast, machen Fische auch und was ich getan habe, können
Fliegen auch tun. Das wirkliche Vermögen liegt außerhalb dieser beiden
Tricks. Und diesem Geschäft muss man sich völlig hingeben.“ Eines Nachts besuchte Hasan mit zwei
oder drei Freunden Rabe’a. In Rabe’as Haus gab es keine Laterne.
Rabe’a blies ihre Fingerkuppen an und in dieser Nacht leuchteten ihre
Finger wie Laternen bis zum Morgenlicht. Wenn jemand fragt, wie so etwas
möglich ist, so antworte ich: „So wie mit der Hand von Moses.“
Und wenn eingewendete wird, dass Moses ein Prophet war, so sage ich:
„Wer immer den Fußstapfen eines Propheten folgt, kann ein wenig von
deren Gesandtschaft sein eigen nennen, denn der Prophet sagt: „Wer auch
nur ein Gramm des Ungesetzlichen zurückweist, hat einen Grad der
Prophetenschaft erworben“. Er hat auch gesagt: „Ein wahrer Traum
ist ein vierzigstel der Prophetenschaft.““ Eines Tages sandte Rabe’a dem
Hasan drei Dinge – ein Stück Wachs, eine Nadel und ein Haar. „Sei wie Wachs“, sagte
sie. „Erleuchte die Welt und brenne selbst. Sei wie eine Nadel und
arbeite ständig völlig nackt. Wenn du diese beiden Dinge tust, sind tausend
Jahre für dich wie ein Haar.“ „Willst du für uns beide dass
wir heiraten?“ fragte Hasan Rabe’a. „Das Band der Hochzeit
gehört für jene, die ein Sein besitzen“, antwortete sie. „In
diesem Fall ist alles Sein verschwunden, denn mein Selbst ist zu nichts
geworden und ich existiere nur durch Ihn. Ich gehöre ganz Ihm und ich lebe im
Abglanz seiner Herrschaft. Du musst um meine Hand von Ihm bitten, nicht von
mir.“ „Wie hast du dieses Geheimnis
denn entdeckt?“ fragte Hasan. „Ich habe alles
„Entdeckte“ in Ihm verloren,“ antwortete Rabe’a. “Wie kennst du Ihn?”
fragte Hasan weiter. „Du kennst das WIE und ich
kenne das „WIE-LOSE““, sagte Rabe’a. Einmal sah Rabe’a einen Mann
mit einem Verband um seinen Kopf. „Warum hast du diesen Verband
umgebunden?“ fragte sie. „Weil mich mein Kopf
schmerzt“, gab der zurück. „Wie alt bist du?“
wollte Rabe’a wissen. „Dreißig“, antwortete
er. „Hast du den größeren Teil
deines Lebens in Schmerz und Qual verbracht?“ fragte sie. „Nein“, antwortete der
Mann. „Dreißig Jahre lang hast du
dich guter Gesundheit erfreut“, merkte sie an“, und niemals in dieser
Zeit hast du dir den Verband der Dankbarkeit umgebunden. Und wegen dieser
einen Nacht, in der du Kopfweh hast, bindest du dir den Verband des Klagens
um?“ Ein anderes Mal gab Rabe’a einem Mann
vier Silber Dinar. „Kauf mir eine Decke“,
sagte sie, „denn ich bin nackt.“ Der Mann ging, kam jedoch gleich
wieder zurück. „Herrin“, fragte er,
„welche Farbe soll ich nehmen?“ „Was hat Farbe mit der Sache
zu tun?“ wollte Rabe’a wissen, „gib mir mein Geld
zurück.“ Und sie nahm das Geld und warf es in den Tigris. An einem schönen Frühlingstag
steckte Rabe’a einmal ihren Kopf aus ihrem Zimmer. „Herrin“, sagte ihre
Magd, „komm heraus und sieh, was der Macher (Gott) gefertigt
hat.“ „Besser du kommst
herein“, erwiderte Rabe’a, „und siehst den Macher. Die
Betrachtung des Machers beansprucht mich gänzlich, sodass ich das, was er
gemacht hat gar nicht beachte.“ Einige Leute kamen sie besuchen und
sahen, wie sie ein Stückchen Fleisch mit den Zähnen zerteilte. „Hast du kein Messer das
Fleisch zu zerschneiden?“ fragten sie. „Ich hatte nie ein Messer im
Haus, aus Angst abgeschnitten zu werden“, antwortete sie. Einmal fastete Rabe’a eine
ganze Woche lang, ohne zu essen oder zu schlafen. Die ganze Nacht verbrachte
sie im Gebet und ihr Hunger überschritt alle Grenzen. Ein Besucher kam und
brachte eine Schüssel mit Essen. Rabe’a nahm sie an und ging eine Lampe
holen. Als sie zurück kam sah sie, dass die Katze die Schüssel umgeworfen
hatte. „Ich werde einen Krug holen
und mein Fasten brechen“, sagte sie. Als sie mit dem Krug kam musste sie
bemerken, dass die Lampe verlöscht war. So versuchte sie im Dunkel aus dem
Krug zu trinken, der ihr aber aus der Hand glitt und am Boden zerbrach. Sie
brach so sehr in Klagen und Seufzen aus, dass man fürchten musste, das ganze
Haus würde in Flammen vergehen. „O Gott“, rief sie,
„was treibst Du mit Deinem hilflosen Diener?“ „Pass auf“, vernahm sie
eine Stimme, „wenn du willst, dass ich allen weltlichen Segen über dir
ausgieße, so entferne alle deine Sorgen um Mich aus deinem Herzen. Denn die
Sorge um Mich und weltlicher Segen kann in einem Herzen nicht zusammen sein.
Rabe’a du begehrst eine Sache und Ich begehre eine andere. Mein Begehr
und dein Begehr kann ein einzelnes Herz nicht fassen.“ „Als ich diese Zurechtweisung
vernahm“, erzählte Rabe’a, „schnitt ich mein Herz ab von
der Welt und beschnitt meine Wünsche, dass wann immer ich in den letzten
dreißig Jahren gebetet habe, ich davon ausging, es wäre mein letztes
Gebet.“ Eine Gruppe von Männern besuchte sie
einmal um sie zu testen und sie bei einer unbedachten Äußerung zu ertappen. „Alle Tugenden wurden auf die
Köpfe der Männer verteilt“, sagten sie. „Die Krone des
Prophetentums wurde auf ihre Köpfe gesetzt, mit dem Band des Adels wurden
ihre Hüften gegürtet. Keine Frau war jemals eine Prophet.“ „Das ist alles richtig“,
erwiderte Rabe’a, „doch Egoismus und die Anbetung des eigenen
Ichs und „Ich bin euer Herr, der Allerhöchste“ drang niemals aus
einer Frauen Brust. Keine Frau war jemals ein Hermaphrodite. Das alles sind
die Eigenheiten der Männer.” Einmal war Rabe’a sehr krank
geworden. Sie wurde gefragt, was wohl der Grund dafür wäre. „Ich erhaschte einen Blick auf
das Paradies“, sagte sie, „und mein Herr wies mich
zurecht.“ Hasan von Basra ging sie besuchen
und er berichtete. „Ich sah einen der noblen
Herrn aus Basra in Tränen vor Rabe’as Tür stehen und ihr eine Börse
voll Gold anbieten. Ich fragte ihn: „Herr warum weinst du?“
„Wegen dieser geheiligten Frau unserer Zeit“, antwortete er.
„Wenn der Segen ihrer Anwesenheit die Menschheit verlässt, so werden
die Menschen gewiss untergehen. Ich habe ihr etwas gebracht um ihre Pflege zu
gewährleisten und ich fürchte sie wird es nicht annehmen. Willst du sie zur
Annahme bewegen?“ Hasan trat ein und sprach mit ihr.
Rabe’a blickte zu ihm auf und sagte, „Er kümmert sich um jene, die
Ihn beleidige, sollte Er sich um jene kümmern, die Ihn lieben? Seit ich Ihn
kenne, habe ich Seinen Geschöpfen den Rücken gewandt. Ich weiß nicht ob das
Vermögen irgendeines Mannes mir erlaubt ist; wie kann ich es dann annehmen?
Bei dem Licht der Lampe der Welt habe ich ein Hemd genäht, welches ich nun
zerrissen habe. Für kurze Zeit war mein Herz besorgt, bis ich
erinnerte…… Abd al Wahid-e Amir erzählt
folgendes. Mit Sufiyan-e Thauri ging ich
Rabe’a besuchen, als sie krank war, doch aus lauter Ehrfurcht vor ihr
konnte ich sie nicht ansprechen. „Sag du etwas“, sagte
ich zu Sufiyan. „Wenn du ein Gebet
sprichst“, sagte Sufiyan zu Rabe’a, „dann wird dein Leiden
gelindert.“ „Weißt du nicht Wessen Wunsch
es ist, dass ich leide?“ wollte Rabe’a wissen, „ist es
nicht Gott?“ „Ja“, stimmte Sufiyan
zu. „Wie kommt es, dass du das
weißt“, wollte Rabe’a wissen, “und trotzdem willst, dass
ich das Gegenteil von dem wünsche, was Er will? Es ist nicht richtig, dem
Freund zu widersprechen.“ „Brauchst du irgendetwas,
Rabe’a“, wollte Sufiyan wissen. „Sufiyan, du bist ein
gelehrter Mann. Warum redest du so? „Brauchst du irgendetwas.“
Bei der Ehre Gottes,“ warf Rabe’a ein, „zwölf Jahre sehne
ich mich nach frischen Datteln und du weißt, dass in Basra frische Datteln
nicht schwer zu kriegen sind und doch habe ich bislang keine gegessen; denn
ich bin Sein Diener und was hat ein Diener zu verlangen? Wünschte ich und
mein Herr wünscht nicht, wäre dies Untreue. Du musst nur wünschen was Er
wünscht, um ein wahrhaftiger Diener Gottes zu sein. Wenn Gott von Sich aus
gibt, ist dies eine andere Sache.“ Sufiyan schwieg betreten. Nach einer
Weile sagte er, „Da man also nicht über deine
Situation sprechen kann, sag etwas über die meine.“ „Du bist ein guter Mann, doch
wirklich liebst du diese Welt“, erwiderte Rabe’a. „Du
liebst es die Überlieferungen zu zitieren.“ Dies erwähnte sie
implizierend, dass dies eine hohe Sache wäre. „Herr, Gott“, schrie
Sufiyan tief bewegt, „Sei zufrieden mit mir!“ „Schämst du dich nicht“,
unterbrach Rabe’a, „die Zufriedenheit von Einem zu verlangen, mit
dem du selbst nicht zufrieden bist?“ Malek-e Dinar erzählt folgendes. Ich ging Rabe’a besuchen und
sah bei ihr einen gebrochenen Krug aus dem sie trank und mit dem sie die
rituellen Waschungen vollzog, eine alte Schilf Matte und einen Ziegel, den
sie gelegentlich als Polster benutzte. Ich war bestürzt. „Ich habe reiche
Freunde“, sagte ich ihr, „wenn du willst, lasse ich dir von ihnen
einiges bringen.“ „Malik, du hast einen groben
Fehler gemacht“, war ihre Antwort, „ist ihr und mein Versorger
nicht ein und der selbe?“ „Ja“, antwortete ich. „Und vergisst dieser Versorger
die Armen weil sie arm sind? Oder gedenkt dieser Versorger der Reichen
aufgrund ihres Reichtums?“ „Nein“, erwiderte ich. „Dann“, fuhr sie fort,
„kennt er doch meine Lage, warum sollte ich Ihn dann daran erinnern? So
ist Sein Wille, und auch ich will, was Er will.“ Eines Tages gingen Hasan von Basra,
Malek-e Dinar und Shaqiq Balkhi Rabe’a an ihrem Krankenbett besuchen. „Der ist nicht wahrhaftig in
seinem Anspruch“, begann Hasan, „der nicht tapfer die Peitsche
seines Herrn erträgt.“ „Diese Worte stinken vor
Egoismus“, kommentierte Rabe’a. „Der ist nicht wahrhaftig in
seinem Anspruch“, versuchte es Shaqia, „der nicht dankbar für den
Hieb seines Herrn ist.“ „Wir brauchen etwas besseres
als das“, bemerkte Rabe’a. „Der ist nicht wahrhaftig in
seinem Anspruch“, bot Malek-e Dinar an, „der sich nicht über den
Hieb seines Herrn freut.“ „Wir brauchen etwas besseres
als das“, wiederholte Rabe’a. „Dann sag du“, drängten
sie. „Der ist nicht wahrhaftig in
seinem Anspruch“, formulierte Rabe’a, „der beim Hieb seines
Herrn nicht Seiner zu gedenken vergisst.“ Ein führender Gelehrter Basras
besuchte Rabe’a an ihrem Krankenbett. Er saß neben ihrem Kopfkissen
und schimpfte auf die Welt. „Du liebst die Welt ziemlich
viel“, bemerkte Rabe’a. „Liebtest du sie nicht, würdest du
nicht so viel Aufsehens wegen ihr machen. Es ist immer der Käufer, der die
Ware herabsetzt. Wenn du über die Welt
hinweg wärst, würdest du sie weder im Guten noch im Schlechten
erwähnen. Doch so wie es ist, erwähnst du sie deswegen so häufig, wie das
Sprichwort sagt, „wer ein Ding liebt, erwähnt es oft“. Als die Zeit kam, dass Rabe’a
sterben sollte, verließen die, welche an ihrem Sterbett standen den Raum und
schlossen die Tür. Da wurde eine Stimme vernehmlich. „O du befriedete
Seele, kehre zufrieden zu deinem Herrn zurück“. Einige Zeit verging und
kein Laut war mehr aus dem Raum zu vernehmen, so öffneten sie die Tür,
schauten hinein und bemerkten, dass Rabe’a ihren Geist aufgegeben
hatte. Danach schauten sie einige im Traum und sie wurde gefragt. „Wie
kamst du mit Munkar und Nakir zurecht?“ Sie antwortete. „Diese Jugendlichen kamen zu
mir und fragten: „Wer ist dein Herr?“ Ich antwortete ihnen.
„Geht zu Gott zurück und sagt Ihm: „Unter so vielen tausenden und
abertausenden Geschöpfen hast du eine so alte schwache Frau nicht vergessen.
Ich, der ich nur Dich in der ganzen weiten Welt habe, werde Dich nie
vergessen, Dir nie vergessen, dass Du mir jemanden schicktest, der mich
fragte: „Wer ist dein Gott?““ Gebete der Rabe’a O Gott, was immer du für mich an
weltlichen Gütern für mich vorgesehen hast, gib dies Deinen Feinden; und was
immer Du für mich in der nächsten Welt vorgesehen willst, gib es Deinen
Freunden, denn Du bist mir genug. O Gott, wenn ich Dich anbete aus
Angst vor der Hölle, so verbrenne mich in ihr; und wenn ich Dich anbete aus
Hoffnung auf das Paradies, so verwehre mir dies; doch wenn ich Dich wegen
Deiner Selbst anbete, so versage mir nicht Deine ewige Schönheit. O Gott, meine ganze Beschäftigung,
all mein Sehnen in dieser Welt der weltlichen Dinge, ist Deiner zu gedenken;
und in der nächsten Welt und unter allen Dingen der nächsten Welt, ist es,
Dir zu begegnen. Das ist es, von meiner Seite – nun verfahre wie auch
immer Du es wünscht. Abu ‘Ali al-Fuzail ibn
‘Iyaz al-Talaqani war in Khorasan geboren worden und hatte sich einen Namen
als Wegelagerer gemacht. Nach seiner Bekehrung ging er zuerst nach Kufa und
dann nach Mekka, wo er viele Jahre, bis zu seinem Tode 187 (803) auch blieb.
Er brachte es zu beachtlichem Ansehen als Überlieferer und die Kühnheit
seiner Predigten vor Harun al Raschid war weithin bekannt. Fuzail der Wegelagerer und seine Bekehrung Zu Beginn seiner Laufbahn schlug
Fuzail seine Zelte im Herzen der Wüste zwischen Merv und Bavard auf. Er trug
Sackleinen, eine wollene Mütze und eine Gebetskette um den Hals. Er hatte
eine Menge Kumpane, alles Diebe und Räuber. Tag und Nacht waren sie plündernd
auf Raubzug unterwegs und brachten die Beute dem Fuzail, denn er war der
Älteste und ihr Anführer. Er verteilte sie dann unter den Banditen und
behielt für sich was ihm gefiel. Er führte genau Buch und blieb keiner
Versammlung fern. Jedes Mitglied welches einer Versammlung fernblieb schloss
er aus der Bande aus. Eines Tages lauerten sie einer
großen Karawane auf. Einer der Reisenden hatte bereits Gerüchte über diese
Wegelagerer gehört und als sie in Sicht waren, überlegte er, wie er seinen
Beutel voll Gold verstecken könnte. Er verließ also die Route und stieß auf
Fuzail, der vor seinem Zelt saß, ein Asket dem Aussehen und seiner Kleider
nach. So vertraute er ihm seinen Goldbeutel an. „Verstau’ ihn hinten im
Zelt“, wies Fuzail ihn an. Der Mann tat wie ihm geheißen und
kehrte zum Rastplatz der Karawane zurück und stellte fest, dass sie bereits
ausgeraubt worden war. Alle die Lasten waren weggebracht und die Reisenden an
Hand und Fuß gefesselt. Der Mann band sie wieder los und sie sammelten die
kläglichen Überreste ein und machten sich fort. Der Mann kehrte zu Fuzail
zurück um seinen Goldbeutel abzuholen. Er sah ihn mitten unter den Gaunern
hocken und die Beute aufteilen. „Oje, ich habe mein Gold einem
Räuber gegeben“, klagte der Mann. Fuzail der ihn in der Ferne entdeckt
hatte, grüßte den Mann der näher gekommen war. „Was willst du?“ fragte
der. „Hol dir dein Gold von wo du
es hingetan hast“, forderte ihn Fuzail auf „und dann verschwinde.“ Der Mann lief in das Zelt, nahm
seinen Beutel und rannte davon. „Warum“, schrieen
Fuzails Kumpane, „in der ganzen Karawane fanden wir keinen einzigen
Dirham Bargeld und diese zehntausend Dirham gibst du jetzt zurück!?“ „Der Mann hatte eine gute
Meinung von mir und ich habe immer eine gute Meinung von Gott, sodass er mir
Vergebung gewähre“, erwiderte Fuzail. „Ich habe des Mannes
Meinung gerechtfertigt, sodass Gott die meine rechtfertigen möge.“ Am nächsten Tag hatten sie eine
andere Karawane überfallen und trugen die Beute davon. Als sie zum Essen
saßen, kam einer der Reisenden zu ihnen. „Wer ist euer Anführer?“
fragte er. „Er ist nicht hier“,
antworteten die Räuber, „er ist dort hinter den Bäumen, am Ufer und
betet.“ „Es ist aber nicht Zeit für
das Gebet“, rief der Mann. „Er erbringt eine
Mehrleistung“, erklärten die Räuber. „Und er isst nicht mit
euch?“, bemerkte der Mann weiter. „Nein, er fastet“,
sagten sie. „Aber es ist nicht
Ramadhan“, wunderte sich der Mann. „Wieder eine
Mehrleistung“, sagten die Diebe. Sehr verwundert näherte sich der
Mann Fuzail, der in großer Demut betete. Er wartete bis Fuzail fertig war und
sagte dann. „Gegensätze stoßen einander
ab“, sagt man, „wie kann einer fasten und rauben, beten und gleichzeitig
Muslime ermorden?“ „Kennst du den
Qur’an?“, fragte Fuzail. „Ja“, antwortete der
Mann. „Also, sagt der Allmächtige
Gott nicht: Und es gibt andere, die
ihre Schuld bekennen. Sie vermischten eine gute Tat mit einer anderen,
schlechten?“ (9:102) Der Mann war sprachlos vor
Erstaunen. Es wird berichtet, dass Fuzail von
Natur aus ein Kavalier und feinsinnig
war und er keiner Frau, die mit einer Karawane reiste die er überfiel,
ihr Eigentum nahm und auch plünderte er keinen, der nur sehr wenig Kapital besaß.
Er ließ jedem Opfer einen Teil seiner Habe. Er war stets der guten Tat
zugeneigt. Als er seine Raubzüge begann, war er leidenschaftlich in eine
bestimmte Frau verliebt, der er immer seinen Anteil an der Beute überbrachte.
Tagaus, tagein ging er in seiner Affenliebe zu dieser Frau buchstäblich
schluchzend die Wände hoch. Eines Nachts zog eine Karawane vorbei, in deren
Mitte ein Mann laut den Qur’an rezitierte. Der folgende Vers drang an
Fuzails Ohr: „Ist nicht für die
Gläubigen die Zeit gekommen, ihre Herzen zu demütigen vor der Ermahnung
Allahs und vor der Wahrheit, die herabkam …?“ (57:16) Gleich
einem Pfeil bohrte sich dieser Vers in Fuzails Seele, forderte ihn gleichsam
heraus: „O Fuzail, wie lange noch willst du noch Reisenden auflauern?
Die Zeit ist gekommen, dass Wir dir auflauern!“ Fuzail fiel von der Mauer und rief,
„Wahrlich, es ist höchste Zeit, nein, es ist mehr als das!“ Völlig außer sich, verstört und
beschämt versteckte er sich in einer Ruine, wo auch einige der Reisenden ihr
Lager aufgeschlagen hatten. Sie sagten zu sich, „Lasst uns
aufbrechen!“ Einer von ihnen gab zu bedenken, „Wir können nicht
gehen, Fuzail liegt auf der Lauer.“ „Gute Nachrichten“, rief
Fuzail, „er hat sich bekehrt.“ Mit diesen Worten verließ er
den Ort und war den ganzen Tag weinend
unterwegs, seine Gegner zu entschädigen, bis nur mehr ein Jude in Bavard
übrig geblieben war. Er suchte auch seine Vergebung, doch der Jude war mit
keiner Genugtuung einverstanden. „Heute können wir es diesen
Mohammedanern zeigen“, stachelte er seine Genossen auf. „Wenn du willst, dass ich
deine Genugtuung annehme“, sagte er zu Fuzail, „dann schaffe
diesen Haufen zur Seite.“ Er zeigte dabei auf einen Haufen
Sand, den fort zu schaffen die Kräfte eines Mannes einfach überstieg, außer
man arbeitete längere Zeit daran. Der unglückselige Fuzail schaufelte den
Berg also Stück für Stück beiseite, doch wie lange sollte er dafür brauchen?
Eines Morgens, Fuzail war schon völlig erschöpft, kam ein Wind auf, der den
Rest vollständig davon blies. Als der Jude dies sah, war er ziemlich
verblüfft. „Ich habe geschworen“,
sagte er zu Fuzail, „dass ich deine Wiedergutmachung nicht annehmen
werde, bis ich Geld von dir bekomme. Nun befindet sich unter diese Matte
etwas Gold, hole eine handvoll davon hervor und gib es mir. Damit ist mein
Schwur erfüllt und ich werde deine Genugtuung akzeptieren.“ Fuzail betrat also das Haus des
Juden. Jetzt hatte dieser aber eine handvoll Erde unter die Matte gelegt.
Fuzail griff unter den Teppich und brachte jedoch eine handvoll Dinare
hervor, die er dem Juden übergab. „Lade mich ein zum
Islam“, rief dieser. Fuzail lud ihn zum Islam ein, und
der Jude wurde Muslim. „Weißt du, warum ich Muslim
geworden bin?“ fragte er Fuzail und fuhr fort. „Bis heute war ich
nicht sicher, welches die wahre Religion ist. Doch heute wurde mir klar, dass
der Islam die wahrhaftige Religion ist; denn ich habe in der Torah gelesen,
dass wenn ein Mensch aufrichtig bereut und dieser dann seine Hand auf Erde
legt, diese zu Gold wird. Und ich hatte Erde unter die Matte gelegt, um dich
zu prüfen. Als du nun in die Erde fasstest und Gold aus ihr wurde, wusste
ich, dass deine Reue echt und deine Religion wahr ist.“ „Um Gottes Willen“, bat
Fuzail den Mann, „binde mich an Händen und Füssen und bringe mich vor
den Sultan, damit er mich für meine vielen Schandtaten bestrafe.“ Der Mann tat wie ihm geheißen. Als
der Sultan Fuzail in Augenschein nahm, entdeckte er an ihm die Zeichen der
Aufrichtigkeit und sagte. „Ich kann dich nicht
verurteilen“, und sandte ihn in Ehren in seine Unterkunft zurück. Als
er dort ankam, brach ein lauter Schrei aus Fuzails Brust. „Hört ihn schreien“,
riefen die Leute. „Sicherlich wurde er nun
gezüchtigt.“ „Wahrhaftig wurde ich schwer
gezüchtigt“, meinte Fuzail. „Wo?“ fragten die Leute. „In meiner Seele“,
erklärte er. Dann begab er sich zu seiner Frau. „Frau“, kündigte er ihr
an, „ich will mich zum Hause Gottes begeben, wenn du es wünscht, gebe
ich dich frei.“ „Niemals werde ich dich
verlassen“, erwiderte seine Frau. „Wo immer du dich befindest,
will auch ich sein.“ So brachen sie gemeinsam auf und
erreichten noch zur rechten Zeit Mekka, denn
der Allmächtige Gott hatte ihnen die Reise leicht gemacht. Dort kamen
sie in der Nähe der Kaaba unter und traf einige der Heiligen. Er wurde für
einige Zeit der Gefährte von Imam Abu Hanifa und viele Geschichten werden
über seine außergewöhnliche Disziplin erzählt. In Mekka wurde ihm das Tor der
Beredsamkeit eröffnet und die Leute drängten sich, seine Predigten zu hören.
Bald sprach alle Welt von ihm, sodass seine Familie und Angehörigen von
Bavard aufbrachen, um nach ihm zu sehen. Sie klopften an seine Tür, doch er
öffnete ihnen nicht. Auch sie gingen nicht von der Tür fort. Darauf stieg
Fuzail auf das Dach seines Hauses. „Was seid ihr nur für
Faulenzer“, rief er ihnen zu. „Gott hat euch eine Aufgabe und
Arbeit gegeben!“ Dergleichen sprach er vieles zu
ihnen, bis sie alle weinten und ganz außer sich waren. Letztlich konnten sie
seine Gegenwart nicht mehr ertragen und verließen ihn. Er blieb dennoch auf
dem Dach und ließ die Tür verschlossen. Fuzail and Harun al-Rashid Eines Nachts rief Harun al-Rashid
den Barmakiden Fazl, seinen vertrauten
Wesir zu sich und bat ihn. „Bring mich heute Nacht zu
jemandem, der mir mein Selbst eröffnet. Mein Herz ist müde diesem ganzen Pomp
und dieser Pracht gegenüber.“ Fazl brache den Harun an die Tür des
Sufiyan-e Oyaina. „Wer ist da?“ fragte
der. „Der Befehlshaber der
Gläubigen“, gab Fazl zur Antwort. „Warum stürzt dieser sich in
solche Umstände?“ sagte Sufiyan. „Wenn ich verständigt worden
wäre, wäre ich zu ihm gekommen.“ „Das ist nicht der, den ich
suche“, bemerkte Harun. „Er schmeichelt mir wie alle anderen
auch.“ Als Sufiyan über den Sachverhalt
aufgeklärt worden war, sagte Sufiyan, „Al-Fuzail ibn Iyaz ist der
Mann, den du suchst. Du musst zu ihm gehen.“ Und er rezitierte
folgenden Vers: „Oder glauben
jene, die Schlechtes erwirken, dass Wir sie jenen gleichstellen, die gute
Werke tun?“ „Es ist genug getan, wenn ich
guten Rat suche“, meinte Harun. Sie gingen an Fuzails Tür und
klopften an. “Wer ist da?” fragte
der. “Der Befehlshaber der
Gläubigen”, antwortete Fazl. “Was hat er mit mir zu
schaffen und was habe ich mit ihm zu tun?” wollte Fuzail wissen. „Ist es nicht verpflichtend,
seiner Befehlsgewalt zu gehorchen?” erwiderte Fazl. „Stört mich nicht“, rief
Fuzail. “Soll ich mit einer Erlaubnis
oder auf mit Befehlsgewalt eintreten?” verlangte Fazl zu wissen. „Es gibt da nicht so etwas wie
Befehlsgewalt“, antwortete Fuzail „Wenn ihr mit Gewalt
eintretet, müsst ihr selber wissen, was ihr tut.“ Darauf trat Harun ein. Als sie an
Fuzail herantraten, blies dieser das Licht aus, damit sie sein Gesicht nicht
erkennen konnte. Harun streckte seine Hand aus und traf auf die Fuzails. „Wie sanft und weich diese
Handfläche ist, wenn sie nur dem Höllenfeuer entkommen könnte!“ merkte
Fuzail an. Nach diesen Worten stand er auf und
begab sich ins Gebet. Harun war sehr berührt und Tränen stiegen aus seiner
Brust. „Sag etwas zu mir“,
bettelte er. Fuzail grüßte ihn und sagte dann. „Dein Vorfahr, der Onkel des
Propheten, verlangte einmal von ihm, ihn zum Befehlshaber über einige Leute
zu ernennen. Der Prophet gab ihm zur Antwort. „Onkel, für einen Moment
habe ich dich zum Befehlshaber über dich selbst gemacht“. Damit meinte
er, wenn dieser nur einen einzigen Moment Gott gehorchte, wäre dies besser
für ihn selbst, als wenn tausend Jahre lang die Leute ihm gehorchten. Der
Prophet fügte hinzu „Befehlsgewalt ist ein Grund für Bedauern am
Jüngsten Tag.““ „Sprich weiter“, bat
Harun. „Als Umar ibn Abd al-Aziz zum
Kalifen bestimmt wurde“, erzählte Fuzail, „sagte er folgendes zu
Salem ibn Abd Allah, Raja’ ibn HAbu Yazidat, und Mohammad ibn
Ka’b. „Was soll ich tun? Denn ich weiß, dass dieses hohe Amt eine
Versuchung ist, auch wenn die Menschen glauben, es wäre ein Segen.“
Einer der drei antwortete, „Wenn du morgen der Bestrafung Gottes
entkommen willst, so betrachte jeden älteren Muslim, als wäre er dein Vater,
jüngere Muslime erachte als deine Brüder und die Sprösslinge der Muslime sieh
als deine Kinder an und behandle sie entsprechend.“ „Sprich weiter“, bat
Harun erneut. „Die Ländereien der Muslime
sind wie dein eigenes Haus und deren Bewohner deine Familie“, sprach
Fuzail. „Besuche deinen Vater, ehre deinen Bruder und sei gut zu deinem
Sohn“. Ich fürchte, fügte er hinzu, „dein hübsches Gesicht wird
ernsthaft Schaden durch das Feuer der Hölle nehmen. Fürchte Gott und gehorche
Seinem Befehl. Sei achtsam und bedacht, denn am Tage des Gerichts wird dich
Gott über jeden einzelnen Muslim befragen und gemäß deinem Verhalten ihnen
gegenüber, wird Er dich beurteilen. Wenn eine alte Frau des nachts hungrig zu
Bett gehen muss, wird sie dich an jenem Tag am Hemd fassen und gegen dich
aussagen.“ Harun weinte so bitterlich, dass er
fast das Bewusstsein verlor. „Genug! Du hast den
Befehlshaber der Gläubigen erschlagen“, schimpfte Fazl der Wesir. „Sei still, Haman“,
schrie Fuzail, „du und deinesgleichen sind es, die ihn vernichten und
du sagst mir, ich brächte ihn um? Das ist Mord!“ Auf diese Worte hin weinte Harun
noch leidenschaftlicher. „Er nennt dich Haman“,
klagte er zu Fazl gewandt, „denn er hat mich mit dem Pharao
gleichgesetzt.“ Dann sagte er zu Fuzail, „Bist du irgendwem etwas
schuldig?” „Ja“, gab Fuzail zur
Antwort. „Ich bin Gott eine gehorsame Handlung schuldig. Wenn er mich
deswegen zur Rechenschaft zieht, dann wehe mir!“ „Ich spreche von Schulden
Menschen gegenüber, Fuzail“, sagte Harun. „Gott sei Dank“, rief
Fuzail, „Der mich so über alle Maßen gesegnet hat, dass ich über Seine
Diener nicht zu klagen habe.“ Daraufhin stellte Harun eine Börse
mit tausend Dinar vor ihn hin. „Dies ist rechtmäßig
erworbenes Geld aus meiner Mutter Vermächtnis“, sagte Harun. „Befehlshaber der
Gläubigen“, sagte Fuzail, „was ich zu dir gesprochen habe, war
nicht des Profits wegen. Selbst jetzt hast du eine Übeltat begangen und
Unrecht fortgesetzt. „Welch üble Tat?“ wollte
Harun wissen. „Ich rufe dich zum Heil und du
setzt mich der Versuchung aus! Das ist wahrlich eine üble Tat“,
erklärte Fuzail. „Ich sage dir, gib was du besitzt, seinem rechtmäßigen
Eigentümer zurück und du für deinen Teil gibst es jemandem, dem es nicht
zukommt? Sinnlos ist es für mich, wenn ich weiter spreche.“ Mit diesen Worten stand er auf, warf
das Gold aus der Tür und entfernte sich. „O, was ist das nur für ein
Mann“, rief Harun, als er Fuzails Haus verließ, „Fuzail ist in
Wahrheit ein König der Menschen. Seine Überheblichkeit ist außerordentlich
und die Welt in seinen Augen verachtenswert.“ Anekdoten über Fuzail Eines Tages hielt Fuzail ein
vierjähriges Kind in seinem Schoß und es geschah, dass er seinen Mund an des
Kindes Wange drückte, wie Väter dies so zu tun pflegen. „Vater, liebst du mich?“
fragte das Kind. „Ich liebe dich“,
antwortete Fuzail. „Liebst du Gott?“ „Ja, ich liebe Gott“. „Wie viele Herzen hast
du?“ wollte das Kind wissen. “Eines”, gab Fuzail
zurück. “Kannst du zwei mit einem Herz
lieben?” verlangte das Kind zu wissen. Da erkannte Fuzail, dass es nicht das
Kind war, welches da sprach, sondern er eine göttliche Unterweisung erhielt.
Eifersüchtig um Gottes Willen begann er sich den Kopf zu schlagen und
bereute. Sein Herz gegenüber dem Kind verhärtend, übergab er es an Gott. Eines Tages stand Fuzail am Berg
Arafat. All die Pilger dort weinten und schluchzten, demütigten sich und
baten Gott mit leiser Stimme. „Ehre sei Gott“, rief
Fuzail, „wenn so viele Menschen alle auf einmal zu einem Mann gingen
und ihn um ein Silberstück bäten, was meint ihr? Würde der Mann sie alle
enttäuschen?“ „Nein“, kam die Antwort. „Gut“, sagte Fuzail,
„sicherlich ist es für den Allmächtigen noch leichter, euch allen zu
verzeihen, als für diesen Mann ist, das Geld zu geben. Denn er ist der
Großzügigste unter den Großzügigen, also besteht große Hoffnung, dass Er
allen vergeben wird.“ Einmal litt Fuzails Sohn an
Harnverhalt. Fuzail kam und erhob seine Hände. „O Herr“, betete er,
„erlöse ihn von dieser Krankheit bei meiner Liebe zu Dir.“ Er hatte sich noch nicht von seinen
Knien erhoben, als der Knabe bereits geheilt war. Oft sagte Fuzail im Gebet:
„Herr Gott, hab Erbarmen! Du kennst meine Reue; so strafe mich nicht,
denn du hast alle Macht über mich.“ Dann sagte er noch, „O Gott,
Du hältst mich hungrig und Du hältst meine Kinder hungrig. Du hältst mich
nackt und Du hältst meine Kinder hungrig und Du gibst mir keine Lampe in der
Nacht. All dies tust Du für Deine Freunde. Durch welchen spirituellen Rang
hat Fuzail diese Glückseligkeit von Dir verdient?“ Vierzig Jahre lang hatte niemand
Fuzail jemals lächeln gesehen, außer an dem Tag, an welchem sein Sohn
verstarb, da lächelte er. „Meister, was für eine
Gelegenheit ist das, um zu lächeln?“, wurde er gefragt. „Ich habe erkannt, dass es
Gott wohl gefiel, dass mein Sohn sterbe“, antwortete er, „und ich
lächelte um mit dem Wohlgefallen Gottes überein zustimmen.“ Fuzail hatte zwei Töchter. Als sein
Ende nahe war, verlangte er von seiner Frau die Erfüllung eines letzten
Wunsches. „Wenn ich gestorben bin, nimm
die beiden Mädchen und begebt euch zum Berg Qobais. Dort richte dein Antlitz
gen Himmel und sprich: „Herr Gott, Fuzail hat mich mit seinem letzten
Wunsch folgendes zu sagen beauftragt: „Während ich am Leben war,
beschützte ich diese beiden Mädchen so gut ich nur vermochte. Da Du mich zum
Gefangenen in der Enge des Grabes gemacht hast, gebe ich sie Deiner Obhut
zurück.““ Als Fuzail begraben war, tat seine
Frau, worum er sie gebeten hatte. Sie begab sich auf die Spitze des Berges
und übergab Ihm dort ihre Töchter. Dann betete sie unter vielen Tränen und
Klagen. Just in diesem Moment kam der Prinz von Jemen mit seinen beiden
Söhnen dort vorbei. Als er die Frauen derart weinen und
klagen sah, wollte er wissen woher sie kämen und Fuzails Frau erklärte ihre
Situation. „Ich gebe diese beiden
Mädchen, diesen, meinen beiden Söhnen zur Frau“, erklärte er,
„und jeder der beiden bekommt eine Brautgabe von zehntausend Dinar.
Bist du damit zufrieden?“ „Ich bin es“, erwiderte
die Mutter. Sofort statte der Prinz sie mit
Schmuck, Teppichen und Gewändern von edlem Brokat aus und führte sie heim in
den Jemen. Abu Ishaq Ibrahim ibn Adham, aus
reinem arabischem Geblüt, geboren in Balkh, wird in den Sufi Geschichten als
Prinz beschrieben, der auf sein Königreich verzichtete (so ähnlich wie der Buddha)
und westwärts wanderte, um ein Leben in vollkommener Enthaltsamkeit zu führen
und der bis zu seinem Tod im Jahre 165 (782) sein täglich Brot mit ehrlicher,
manueller Arbeit in Syrien verdiente. In einigen historischen Dokumenten
wird festgehalten, dass er in einer Seeschlacht gegen Byzanz getötet wurde.
Die Geschichte seines Eintritts in den Islam ist klassisch für einen
muslimischen Lebenslauf. Die Geschichte des Ibrahim ibn Adham Ibrahims Karriere der Heiligkeit
begann folgendermaßen. Er war der König von Balkh und gleichsam eine ganze
Welt stand unter seinem Befehl; vierzig goldene Schwerter und vierzige
goldene Harnische wurden vor und hinter ihm hergetragen. Eines Nachts war er
auf seiner königlichen Couch eingeschlafen. Um Mitternacht begann das Dach
über seinem Zimmer so zu zittern, als würde jemand darüber laufen. „Wer ist da?“ rief er. „Ein Freund“, kam die
Antwort, „ich habe ein Kamel verloren und suche es hier auf dem
Dach.“ „Narr, suchst du ein Kamel auf
dem Dach?“ rief Ibrahim. „Du Unbedachter, suchst du
Gott in silberdurchwirkten Kleidern, auf einer goldenen Couch?“ Diese Worte erfüllten sein Herz mit
Furcht. Ein Feuer entzündete sich in seinem Inneren und er konnte nicht mehr
einschlafen. Bei Tagesanbruch kehrte er zu seinen Geschäften zurück und
setzte sich auf seinen Thron, gedankenvoll, verwirrt und achtsam. Die
Minister standen auf ihren Plätzen, die Sklaven penibel aufgereiht; eine
Generalaudienz war ausgerufen worden. Da erschien ein Mann mit
fürchterlichem Aussehen im Audienzsaal, so furchterregend sah er aus, dass
sich keiner der königlichen Beamten und Diener ihn nach seinem Namen zu
fragen getraute. Allen blieb ihre Zunge am Gaumen kleben. Langsam, in
gemessenem Schritt näherte er sich dem Thron, bis er vor ihm stand. „Was wünscht du?“ wollte
Ibrahim wissen. „Ich habe ein Auge auf diese
Karawanserei geworfen“, sagte der Mann. „Dies ist keine Karawanserei,
dies ist mein Palast. Du bist wohl verrückt“, schrie Ibrahim. „Wem gehörte dieser Palast vor
dir?“ fragte der Mann. „Meinem Vater“,
antwortete Ibrahim. „Und vor ihm?“ „Meinem Großvater.“ „Und vor ihm?“ „Dem so-und-so.“ „Und wem davor?“ „Dem Vater des
so-und-so.“ „Wo sind die alle hin
verschwunden?“ fragte der Mann. „Fort sind sie, sie sind
gestorben“, antwortete Ibrahim. „So ist das dann hier keine
Krawanserei, wo der eine kommt und der andere geht?“ Mit diesen Worten verschwand der
Mann. Es war Kidhr gewesen, der Friede sein mit ihm. Das innere Feuer,
welches nun in ihm entzündet war, brannte immer heftiger in seiner Seele und
seine innerliche Qual steigerte sich ins Unermessliche. Visionen untertags
folgten Stimmen, die er des Nachts vernahm, gleichermaßen geheimnisvoll wie
unfassbar. „Sattelt mein Pferd“,
rief Ibrahim letztendlich. “Ich will mich auf die Jagd begeben. Ich
weiß nicht, wie mir heute geschieht. Herr, Gott, wie soll dies alles noch
enden?“ Sein Pferd war gesattelt und er
begab sich auf die Jagd. Kopflos, völlig außer sich, galoppierte er in die
Wüste. In seiner Verwirrung wurde er von der
Jagdgesellschaft getrennt und da hörte er auf einmal eine Stimme. „Wach auf!“ Er gab vor, nichts gehört zu haben
und ritt weiter. Ein zweites Mal ertönte die Stimme, doch er beachtete sie
nicht. Ein drittes Mal ertönte die Stimme, und wieder verschloss er sich ihr.
Da ertönte die Stimme ein viertes Mal. „Wach auf, bevor du
hinweggefegt wirst!” Nun verlor er völlig die Kontrolle
über sich. Da sprang ein Wild vor ihm auf und Ibrahim machte sich zum Schuss
bereit. Da richtete das Tier das Wort an ihn. „Ich wurde geschickt, um dich
zu jagen. Du kannst mich nicht treffen. Wurdest du dafür erschaffen oder
folgst du einem Befehl?“ „O, was geschieht mir nun
wieder“, rief Ibrahim. Und er wandte sich von der Antilope
ab. Daraufhin hörte er die gleichen Worte aus seinem Sattelknauf kommen.
Angst und Furcht ergriffen ihn. Die Offenbarung wurde noch klarer, denn der
Allmächtige Gott wollte sie zum Abschluss bringen. Ein drittes Mal hörte er
die Stimme aus dem Kragen seines Umhangs kommen. Nun war die Offenbarung zu
ihm durchgedrungen und die Himmel öffneten sich ihm. Gesicherter Glaube war
ihm nun zu eigen geworden. Er stieg vom Pferd und all seine Kleider, selbst
das Pferd waren voll mit seinen Tränen. Er bereute ehrlich und aufrichtig.
Abseits des Weges erblickte er einen Schäfer, der Fellkleider und eine
Fellmütze trug, welcher seine Schafe vor sich her trieb. Bei näherem Hinsehen
erkannte er, dass es einer seiner eigenen Sklaven war. Diesem schenkte er
seine reich bestickten Gewänder, seine juwelenbesetzte Kappe und die Schafe,
die ihm ja gehörten. Vom Schäfer übernahm er dessen Gewand und Fellmütze und
zog diese an. Alle engelhaften Zeugen standen um Ibrahim und blickten auf
ihn. „Welch Königreich ist dem
Sohne Adhams zuteil geworden“, riefen sie, „das schmutzige Gewand
der Welt hat er verworfen und das ruhmreiche Kleid der Armut hat er sich
angetan.“ In diesem Zustand ging er zu Fuß
weiter, über Berge und endlose Wüsten, über seine Sünden klagend, bis er nach
Merv kam. Dort gewahrte er einen Mann, der gerade von einer Brücke fiel und
von den Fluten fortgespült zu werden drohte. Von weitem rief Ibrahim: „O Gott, rette ihn!“ Der Mann blieb quasi in der Luft
hängen, bis die Retter zu ihm gelangt waren und ihn wieder heraufziehen
konnten. Völlig verblüfft waren sie über Ibrahim und sie riefen. „Was für ein Mensch ist
das?“ Ibrahim verließ diesen Ort und
wandte sich gen Nishapur. Dort suchte er sich einen verfallenen Ort, an dem
er sich der Gehorsamkeit Gottes widmen konnte. Letztlich bezog er die
berühmte Höhle, die er für neun Jahre lang bewohnte; in jeder ihrer Kammern
blieb er drei Jahre. Wer weiß, womit er die langen Tage und Nächte dort
beschäftigt war? Es brauchte schon einen mächtigen, außergewöhnlichen Mann,
um dort alleine die Nächte zu verbringen. Jeden Donnerstag stieg er über die
Höhle hinaus und sammelte Feuerholz, welches er am nächsten Tag nach Nishapur
trug, um es dort zu verkaufen. Um den Erlös kaufte er dann nach dem Besuch
des Freitagsgebets Brot, von dem er die Hälfte an Bettler abgab und mit der
anderen Hälfte brach er sein Fasten. So hielt er es jede Woche. Einmal, es war Winter und
empfindlich kalt, musste er das Eis im Krug zerbrechen, um sich waschen zu
können. Die ganze Nacht verbrachte er bis zum Morgen zitternd im Gebet. Bei
Sonnenaufgang war in Gefahr zu erfrieren. Zufällig kam im der Gedanke an
Feuer in den Sinn und er sah einen Pelz am Boden liegen. Diesen wickelt er
sich um und fiel in tiefen Schlaf. Als er erwachte, war es taghell und ihm
war wieder warm geworden. Da sah er, dass das Fell ein Drache gewesen war,
mit tellergroßen, blutunterlaufenen Augen. Da überkam ihn große Furcht. „Herr Gott“, rief er,
„dieses Ding hast Du mir in schöner Form geschickt, nun erblicke ich in
ihm das Grauen, welches ich nicht ertragen kann.“ Sofort rückte der Drache von ihm ab,
rieb sein Gesicht zwei-, dreimal am Boden und verschwand. Ibrahim geht nach Mekka Als sich die Kunde über Ibrahims
Taten unter den Menschen verbreitete, floh er aus der Höhle und wandte sich
nach Mekka. In der Wüste traf er auf einen der Großen des Glaubens, welcher
ihn den Höchsten Namen Gottes lehrte und ihn dann verließ. Ibrahim rief Gott
bei diesem Namen und sofort erschien Khidr, der Friede sei auf ihm. „Ibrahim“, sagte Khidr,
„das war mein Bruder David, der dich den Höchsten Namen Gottes
lehrte.“ Viele Worte wechselten dann noch zwischen Khidr und Ibrahim.
Folgendes erzählte Ibrahim über die nächste Station seiner Pilgerreise. „Als ich nach Dhat
al-‘Erq gekommen war, sah ich dort siebzig Männer in Flickenröcken
gekleidet, tot auf der Erde liegen. Das Blut quoll ihnen aus Nasen und Ohren.
Da bemerkte ich einen, in dem noch ein Funken Leben steckte. „Junger
Mann“, rief ich, „was ist hier passiert?“ „Sohn des Adham“,
antwortete er, „halte dich an das Wasser und die Gebetsnische. Geh
nicht zu weit, auf dass du nicht verbannt wirst und komm nicht zu nahe, auf
dass du nicht beschämt werdest. Lass keinen Menschen zu kühn vor dem Sultan
erscheinen. Habe Furcht um dein Leben, vor dem Freund, der Pilger
abschlachtet, als wären sie griechische Ungläubige und der Krieg gegen die
Pilger führt. Wir sind eine Sufi Gemeinschaft, die in Gottvertrauen in die
Wüste aufgebrochen war, bereit kein Wort zu verlieren, an nichts anderes,
denn an Gott zu denken, sich fort zu bewegen und doch nur Gott im Auge und
kein anderes Ziel, als Ihn im Sinn zu behalten. Als wir die Wüste
durchschritten hatten und an den Ort gelangt waren, an dem sich die Pilger in
Weiß kleiden, erschien Khidr, der Friede sei auf ihm, unter uns. Wir grüßten
ihn und er erwiderte unseren Gruß, worauf wir sehr glücklich waren und
sprachen: „Gelobt sei Gott, diese Reise ist gesegnet, der Verlangende
hat sein Verlangen erreicht, denn solch eine heilige Person ist erschienen,
um uns zu treffen.“ Da rief eine Stimme in unserem Inneren, „Ihr
Lügner, ihr Heuchler, Mich habt ihr vergessen und euch mit anderen
beschäftigt. Geht fort! Frieden werde Ich mit euch nicht machen, bis ich eure
Seelen in Vergeltung von euch genommen habe und euer Blut mit dem Schwert des
eifernden Zorns vergossen habe.“ Diese tapferen Männer, die du hier
alle liegen siehst, sind die Opfer dieser Vergeltung. Hab Acht, Ibrahim. Auch
du trägst dieselben Bestrebungen in dir. Halt ein oder geh weit fort von
hier!“ “Warum haben sie dann dich
verschont?” fragte ich tief verwundert ob dieser Worte. „Sie sagten, „Diese hier
sind reif, doch du bist noch roh. Bleib noch ein wenig am Leben und bald bist
auch du reif und wenn du reif geworden bist, wirst du ihnen folgen.“
Mit diesen Worten gab er seinen Geist auf.“ Vierzehn Jahre lang zog Ibrahim
durch die Wüste, ständig in Demut und im Gebet. Als er in die Nähe Mekkas
gelangte, und die Ältesten davon Kunde erhielten, kamen sie vor die Stadt, um
ihn zu begrüßen. Er eilte der Karawane voran, damit ihn keiner erkennen
sollte. Ihre Diener waren den Ältesten vorausgegangen und sahen Ibrahim vor
der Karawane gehen, doch sie erkannten ihn nicht, denn sie hatten ihn noch
nie zuvor gesehen. Als sie bei ihm angelangt waren riefen sie: „Ibrahim
ibn Adham ist in der Nähe. Die Ältesten des Haram sind gekommen um ihn zu
treffen.“ „Was wollt ihr von diesem
Häretiker?“ wollte Ibrahim wissen. Sogleich drangen sie auf ihn ein und
verprügelten ihn. „Die Ältesten des Haram kommen
um ihn zu begrüßen und du nennst ihn einen Häretiker?“ schrieen sie. „Ich sage, er ist ein
Häretiker“, wiederholte Ibrahim. Als sie von ihm abließen, wandte
Ibrahim sich zu sich selbst. „Ha“, schimpfte er,
„du wolltest, dass die Ältesten zu dir herauskämen und dich begrüßen.
Nun gut, du hast ein paar Hiebe erhalten. Gepriesen sei Gott, dass ich Deinen
Wunsch habe in Erfüllung gehen sehn!“ Ibrahim ließ sich dann in Mekka
nieder und ein Kreis von Gefährten scharte sich um ihn und er verdiente sein
Brot durch seiner Hände Arbeit als Zimmermann. Ibrahim wird von seinem Sohn in Mekka besucht Als Ibrahim ibn Adham Balkh verließ,
hatte er einen Sohn im Säuglingsalter zurückgelassen. Dieser, in der
Zwischenzeit erwachsen geworden, fragte seine Mutter eines Tages nach seinem
Vater. „Dein Vater ist verschollen“,
gab sie ihm Auskunft. Daraufhin ließ der Sohn
verlautbaren, dass alle sich versammeln mögen, welche die Pilgerfahrt
unternehmen wollten. Viertausend kamen zusammen. Er erstattet ihnen allen die
Reiseausgaben für Versorgung und Reittiere und führte die Gruppe Richtung
Mekka, in der Hoffnung, dass Gott ihm seinen Vater unter die Augen führen
wollte. In Mekka angelangt, fanden sie am Tor zur Heiligen Moschee eine
Gruppe Sufis in ihren Flickenröcken. „Kennt ihr Ibrahim ibn
Adham?“ wollte der Sohn wissen. „Er ist ein Freund von
uns“, antworteten sie, „er versorgt uns und ist gerade unterwegs,
um Essen zu besorgen.“ Der Sohn verlangte, dass sie ihn zu
ihm führen sollten. Sie folgten seiner Spur und so gelangte die Gruppe zum
unteren Teil Mekkas und dort sah er seinen Vater barfuss und ohne Kopfbedeckung
mit einem Haufen Feuerholz des Weges kommen. Tränen stiegen in ihm hoch, doch
er beherrschte sich und folgte seinem Vater bis zum Markt. Dort hub sein
Vater an zu rufen: „Wer will gutes Zeug für gutes
Zeug kaufen?“ Ein Bäcker kaufte ihm das Holz für
Brot ab. Ibrahim nahm das Brot und brachte es seinen Freunden. „Wenn ich ihm sage wer ich
bin“, fürchtete der Sohn, „wird er von mir fort laufen.“ So suchte er bei seiner Mutter Rat,
wie er sich wohl seinem Vater am Besten nähern sollte. Seine Mutter empfahl
ihm Geduld. „Hab’ Geduld, bis wir
die Pilgerfahrt erfüllt haben.“ Nachdem der Sohn sich entfernt
hatte, nahm Ibrahim bei seinen Gefährten Platz. „Diesesmal sind Kinder und
Frauen unter den Pilgern, nehmt eure Blicke in acht“, ermahnte er sie.
Sie nahmen seine Mahnung an und als die Pilger den Platz um die Kaaba
betraten und sie umkreisten, umrundeten Ibrahim und seine Gefährten ebenfalls
das Heilige Haus. Ein hübscher Junge trat nahe an ihn heran und Ibrahim
blickte ihn sehnsüchtig an. Seine Freunde bemerkten dies und wunderten sich
darüber, doch warteten sie, bis sie die Umrundungen beendet hatten. „Gott habe Erbarmen mit
dir!“ sagten sie dann zu Ibrahim, „uns hast du befohlen nicht auf
die Frauen oder Kinder zu blicken und du selbst starrst dann einen hübschen
Jungen an.“ „Habt ihr das denn
gesehen?“ rief Ibrahim. „Wir haben es gesehen“,
antworteten sie. „Als ich Balkh verließ“,
erzählte ihnen Ibrahim, ließ ich dort einen Sohn im Säuglingsalter zurück. Ich
weiß, dieser Bursche ist dieser Sohn.“ Am nächsten Tag machte sich einer
der Gefährten Ibrahims früher als dieser auf, um nach der Karawane aus Balkh
zu sehen. Als er sie fand, erblickte er in deren Mitte ein Zelt, ganz mit
Brokat bestickt. Im Zelt war ein Thron aufgestellt, auf welchem der Junge
saß, der aus dem Qur’an rezitierte und dabei Tränen vergoss. Ibrahims
Freund erbat die Erlaubnis eintreten zu dürfen. „Woher kommst du?“
fragte er. „Aus Balkh“, antwortete
der Junge. „Wessen Sohn bist du?“ Der Knabe schlug seine Hände vors
Gesicht und schluchzte. „Ich habe meinen Vater nie
gesehen“, sagte er und legte den Qur’an zur Seite, „nie,
bis auf gestern – und ich weiß nicht, ob er es war oder nicht und ich fürchte,
dass, wenn ich ihn anspreche, er fortlaufen wird, wie er es schon einmal
getan hat. Mein Vater ist Ibrahim ibn Adham, der König von Balkh. Der Mann nahm in an der Hand, um ihn
zu Ibrahim zu bringen. Auch seine Mutter erhob sich und begleitete ihren
Sohn. Ibrahim saß mit seinen Gefährten am Jemeniter Eck, als sie ihn fanden.
Von Ferne schon hatte er seinen Freund, den Knaben und seine Mutter erspäht.
Sobald die Frau ihn erblickte, schrie sie laut auf und konnte nicht mehr
länger an sich halten. „Das ist dein Vater.“ Ein unglaublicher Tumult entstand.
Die Freunde Ibrahims und alle Umherstehenden brachen in Tränen aus. Sobald
sich der Knabe wieder gefasst hatte, grüßte er seinen Vater. Der Vater
erwiderte seinen Gruß und umarmte ihn. „Welcher Religion folgst
du?“ “Der Religion des
Islam”, antwortete sein Sohn. „Gott sei gepriesen“,
rief Ibrahim. „Kennst du den Qur’an?“ „Ja.“ „Gepriesen sei Gott. Hast du
den Glauben studiert?“ “Ja, das habe ich.” Nun wollte Ibrahim fort, doch der
Knabe ließ ihn nicht gehen. Seine Mutter schluchzte lauthals. Sein Gesicht
zum Himmel gewandt, schrie Ibrahim, „O Gott errette mich!“ Noch im gleichen Moment verstarb der
Knabe in seinen Armen. „Was ist passiert,
Ibrahim?“ riefen seine Gefährten aus. „Als ich ihn in die Arme nahm“,
erklärte Ibrahim, „erwuchs in meinem Herzen große Liebe zu ihm und da
sprach eine Stimme zu mir, „Ibrahim du behauptest Mich zu lieben, und
doch liebst du jemanden anderen neben Mir. Du verpflichtest deine Gefährten
keine fremde Frau oder fremdes Kind anzusehen und doch hast du dein Herz
dieser Frau und diesem Kind geöffnet“ als ich dies hörte, betete ich,
„Gott der Herrlichkeit, komm zu meiner Rettung! Er wird mein Herz so
sehr in Beschlag nehmen, dass ich Dich zu lieben vergessen werde. Nimm
entweder sein Leben oder meines.“ Sein Tod war die Antwort auf mein
Gebet.“ Eines Tages wurde Ibrahim befragt,
„Was ist über dich gekommen, dass du dein Königreich aufgegeben
hast?“ „Man ließ mich eines Tages auf
meinem Thron Platz nehmen“, erinnerte er sich, „und man brachte
mir einen Spiegel. Ich blickte in diesen Spiegel und erkannte, dass meine
Heimstatt mein Grab wäre und mich kein Freund dahin begleiten würde. Ich sah
eine lange Reise vor mir und ich hatte keinerlei Proviant mit mir. Ich
erblickte einen gerechten Richter und ich hatte keinerlei Verteidigung. So
widerte mich mein Königtum an.“ „Warum bist du aus Khorasan
geflohen?“ fragten sie. „Ich hörte viel Gerede dort,
vom wahren Freund“, antwortete er. „Warum suchst du dir keine
Frau?“ wurde er gefragt. „Nimmt denn irgendeine Frau
einen Mann, damit er sie hungrig und durstig hält?“ gab er zurück. „Nein“, antworteten sie. „Darum heirate ich
nicht“, fügte er erklärend hinzu. “Jede Frau, die ich heiratete,
würde hungrig und ohne Bekleidung bleiben. Wenn es mir nur möglich wäre,
ließe ich mich scheiden. Wie könnte ich da eine andere an meinen Sattel
binden?“ Dann wandte er sich an einen bei
ihnen sitzenden Bettler. „Hast du eine Frau?“ „Nein“, antwortete der
Bettler. „Hast du ein Kind?“ “Nein”. “Sehr gut”, rief Ibrahim. „Warum sagst du das?“,
fragte ihn der Bettler. „Ein Bettler der heiratet ist
wie einer, der ein Schiff betritt. Wenn die Kinder kommen, geht er
unter.“ Eines Tages traf Ibrahim einen
Bettler, der sein Schicksal beweinte. „Ich nehme an, du hast die
Bettelei gratis erworben“, bemerkte er. „Wieso, ist denn die Bettelei
zu kaufen?“ wollte der Bettler erstaunt wissen. „Natürlich“, antwortete
Ibrahim. „ich habe es mit dem Königreich von Balkh gekauft, ich habe
einen Handel abgeschlossen.“ Einmal brachte jemand Ibrahim
eintausend Dinar. „Nimm“, sagte der Mann. „Ich nehme nichts von
Bettlern“, erwiderte Ibrahim. „Aber ich bin reich“,
wandte der Mann ein. „Willst du mehr, als du schon
hast?“ fragte Ibrahim. „Bestimmt“, rief der
Mann aus. „Dann nimm das Geld
zurück“, sagte Ibrahim, „du bist der Chef der Bettler und
wahrlich, das ist nicht Bettelei, sondern reinste Bedürftigkeit. Man erzählte Ibrahim von einem
ekstatischen jungen Mann, der außergewöhnliche Erfahrungen machte und sich
selbst dabei ordentlich disziplinierte. „Bringt mich zu ihm, so dass
ich ihn mir ansehen kann“, sagte Ibrahim. So brachten sie ihn zu dem jungen
Mann. „Sei drei Tage mein
Gast“, lud ihn der junge Mann ein. Ibrahim blieb drei Tage lang und
beobachtete den Zustand des Jungen aufmerksam. Alles war so, wie seine
Freunde es geschildert hatten. Alle Nächte blieb er wach und ruhelos und
schlief nicht einen Moment. Ibrahim verspürte eine gewisse Eifersucht. „Ich bin so ruhig und er
bleibt ohne Schlaf und Ruhe die ganze Zeit. Lasst uns herausfinden, ob
irgendetwas Satanisches seinen Zustand beeinflusst oder dieser gänzlich rein
ist, wie es sein sollte. Ich muss die Wahrheit darüber herausfinden“,
sprach Ibrahim zu sich selbst, „Die Ursache und die Grundlage für alles
liegt in dem, was einer isst.“ So beobachtete er, was der junge
Mann zu sich nahm und fand heraus, dass es aus unreiner Quelle stammte. „Großer Gott“, rief
Ibrahim aus, „es ist teuflisch!“ „Ich war dein Gast drei Tage
lang“, sagte er zu dem Jungen, „nun sei du mein Gast für vierzig
Tage.“ Der junge Mann nahm an. Nun war die
Nahrung, die Ibrahim aß aus rechtmäßiger Quelle, denn er verdiente es durch
seine Hände Arbeit. Er nahm den Jungen mit nach Hause und setzte ihm sein
eigenes Essen vor. Sofort verschwand seine Ekstase. All seine Spannung und
Leidenschaft war verschwunden. Seine Unruhe, Schlaflosigkeit und Weinen
waren wie weggeblasen. “Was hast du mit mir
gemacht?” rief er. „Jawohl“, antwortete
Ibrahim, „dein Essen war ungesetzlich. Satan ging ständig ein und aus
bei dir. Sobald du rechtmäßiges Essen zu dir genommen hattest, zeigten sich
deine ganzen Erscheinungen als das, was sie wirklich waren –
Teufelswerk.“ Sahl ibn Ibrahim erzählte folgende
Geschichte. „Einmal war ich mit Ibrahim ibn
Adham auf Reisen und unterwegs wurde ich krank. Er verkaufte alles was er
besaß und gab es für mich aus. Ich bat ihn um etwas und er verkaufte seinen
Esel und gab den Erlös für mich aus. „Wo ist der Esel?“
fragte ich, als ich wieder genesen war. „Ich habe ihn verkauft“,
antwortete er mir. „Worauf soll ich denn nun
reiten“, verlangte ich zu wissen. „Bruder“, antwortete
Ibrahim, „komm und steig auf meinen Rücken.“ Er nahm mich auf den
Rücken und trug mich drei Stationen.“ Jeden Tag ging Ibrahim Lohnarbeit
nach und arbeitet bis zum Abend. All seinen Verdienst gab er für seine
Freunde aus. Doch bis er sein Abendgebet verrichtet hatte und etwas
eingekauft hatte und zu seinen Freunden kam, war es immer schon spät
geworden. Eines Abends sagte einer
seiner Gefährten: „Heute kommt er aber spät, lasst uns etwas Brot essen
und schlafen gehen, das wird ein Hinweis für ihn sein, in Zukunft etwas
früher zu kommen.“ So machten sie es auch. Als Ibrahim
eintraf und sah, dass sie schon schliefen, dachte er, sie hätten noch nichts
gegessen und so zündete er gleich ein Feuer an. Er hatte etwas Mehl
mitgebracht und so buk er einige Fladen, die sie essen, wenn sie aufwachten
und am nächsten Morgen ihr Fasten halten könnten. Als die Freunde aufwachten,
sahen sie ihn mit seinem Bart am Boden, das Feuer anblasen und seine Augen
waren voller Tränen vor lauter Rauch. „Was machst du da?“,
fragten sie. „Ich sah, dass ihr schon
schlafen gegangen wart“, antwortete Ibrahim, „und so sagte ich
mir, dass ihr vielleicht nichts zu essen habt finden können und hungrig
schlafen gegangen seid. So bereite ich etwas, das ihr essen könnt, wenn ihr
aufwacht. „Seht, wie wir an uns dachten,
und wie wir über ihn dachten“, riefen sie aus. „Seit du diesen Pfad betreten
hast, hast du jemals Glückseligkeit erlebt?“ wurde Ibrahim gefragt. „Mehrmals“, antwortete
er. „Einmal war ich an Bord eines Schiffs und der Kapitän kannte mich
nicht. Ich trug lumpige Kleider und mein Haar war ungepflegt und ich befand
mich in einer geistlichen Ekstase, die keiner an Bord wahrnahm. Sie lachten
und machten sich lustig über mich. Da war ein besonderer Spaßvogel auf dem
Schiff, der mir immer die Haare auszupfte und mich auf den Nacken schlug. In
diesen Momenten fühlte ich, dass ich mein Verlangen sich erfüllte und war
glücklich, derart erniedrigt zu werden. Plötzlich kam eine große Welle und
alle dachten, sie müssten untergehen. „Wir müssen einen überbord
werfen“, rief der Maat, „dann wird das Schiff leichter.“
Sie ergriffen mich, um mich ins Meer zu werfen. Das Wasser beruhigte sich und
das Schiff lag wieder ruhig. In dem Moment, als sie mich am Ohr ergriffen
hatten, um mich ins Wasser zu werfen, fühlte ich mein Verlangen erfüllt und
war glücklich. Ein andermal ging ich zu einer
Moschee, um dort zu schlafen. Man wollte mich dort nicht dulden, doch war ich
so schwach und erschöpft, dass ich nicht aufstehen konnte. So packten sie
mich an den Füßen und schleiften mich hinaus. Nun führen drei Stufen zu
dieser Moschee und mein Kopf schlug auf jede dieser drei Stufen, sodass Blut
davon floss. Auf jeder Stufe auf der ich aufschlug, offenbarte sich mir das
Geheimnis einer ganzen Sphäre. Ich sagte, „Hätte diese Moschee doch
mehr Stufen, um meine Glückseligkeit zu mehren!“ Ein anderes Mal war ich umhüllt im
Zustand der Ekstase. Ein Witzbold pisste mich an. Auch da war ich glücklich.
Und einmal hatte ich eine Pelzjacke an, die voller Fliegen war, die mich
gnadenlos peinigten. Da erinnerte ich mich der feinen Gewänder, die ich in
meiner Schatzkammer verwahrte. Meine Seele in mir schrie laut auf:
„Warum – welche Pein ist das!“ Auch da fühlte ich mein
Verlangen erfüllt. Einmal reiste ich durch die Wüste,
ganz auf Gott vertrauend. Einige Tage lang fand ich nichts zu essen. Da
erinnerte ich mich an einen Freund, doch sagte ich mir, „wenn ich zu ihm
gehe, verliere ich mein Vertrauen in Gott“ und mit folgenden Worten auf
den Lippen betrat ich eine Moschee: „Mein Vertrauen lege ich in den
Lebendigen, der niemals stirbt. Es gibt keinen Gott außer Ihm.“ Eine
Stimme erschallte vom Himmel, „Gepriesen sei der Gott, welcher das
Antlitz der Erde von jenen befreit hat, die ihr Vertrauen in Ihn
legten“. Ich sagte: „Warum diese Worte?“ Die Stimme
antwortete: „Wie kann dieser Mann, der eine lange Reise unternimmt,
wegen einem Bissen Essen, den er von einem weltlichen Freund bekommen
könnte, wahrhaftig auf Gott vertrauen
und dann verkünden. „Ich vertraue auf den Lebendigen, der nicht
stirbt“? Du hast das Wort des Vertrauens als Lüge
verkauft!““ „Einmal hatte ich einen
Sklaven gekauft“, erinnerte sich Ibrahim. „Wie heißt du?“ fragte
ich ihn. „So wie du mich rufst“,
erwiderte er. „Was isst du?“ „Was du mir zu essen
gibst.“ „Welche Kleidung trägst
du?“ „Womit du mich
kleidest.“ “Was tust du?” “Was du mir zu tun
befiehlst.” „Was wünscht du?“ „Was hat ein Diener zu wünschen?“
antworte er darauf. „Du Verkommener“, sagte
ich zu mir selbst, „dein ganzes Leben warst du ein Diener Gottes. Nun
lerne, was es heißt ein Diener zu sein!“ „Und ich weinte solange, bis
ich bewusstlos wurde.“ Niemand hat Ibrahim jemals mit
gekreuzten Beinen sitzen gesehen. Darüber befragt gab er Auskunft: „Ich saß eines Tages auf diese
Art, als ich eine Stimme aus der Luft vernahm, „Sohn des Adham, sitzen
Diener so in der Gegenwart ihres Herrn?“ Sofort setzte ich mich
aufrecht hin und bereute.“ „Einmal wanderte ich durch die
Wüste, auf Gott vertrauend“, erzählte Ibrahim „und drei Tage lang
fand ich nichts zu essen. Da kam der Teufel auf mich zu und versuchte mich:
„Hast du dein Königreich und all den Luxus aufgegeben, um hungrig auf
Pilgerfahrt zu gehen? Du kannst auch ordentlich auf Pilgerfahrt gehen und
musst nicht derart leiden.“ Die Rede des Teufels vernehmend,
richtete ich meinen Blick zum Himmel und rief: „O Gott, hast Du Deinen Feind
angewiesen, Deinen Freund solcherart zu quälen? Komm und rette mich, denn ich
kann die Wüste ohne Deine Hilfe nicht durchqueren.“ „Ibrahim“, rief mir eine
Stimme zu, „leere deine Taschen aus, damit Wir hervorbringen, was im
Unsichtbaren ist.“ „Ich steckte meine Hand in die
Tasche und fand drei Silbermünzen, die ich darin vergessen hatte. Sobald ich
sie weggeworfen hatte, floh der Teufel von mir und Versorgung für mich
erschien aus dem Unsichtbaren.“ „Und einmal“, erinnerte
sich Ibrahim, „sollte ich in einem Garten nach dem Rechten sehen. Der
Eigentümer sagte zu mir, ich solle ihm einige süße Granatäpfel bringen. Ich
brachte sie ihm, doch sie waren sauer. „Ich will süße“,
wiederholte der Besitzer. Ich brachte nochmals welche, doch auch diese waren
sauer. „Großer Gott“ rief der
Besitzer, „jetzt warst du solange in einem Garten und kennst keine
reifen Granatäpfel?“ „Ich sehe nach deinem Garten,
doch weiß ich nicht, wie Granatäpfel schmecken, denn ich habe nie welche
probiert“, antwortete ich. „Bei solcher
Selbstverleugnung, habe ich den Verdacht, du bist Ibrahim ibn Adham“,
sagte der Besitzer. „Als ich das hörte, verließ
ich diesen Ort.“ „Eines Nachts sah ich Gabriel
in einem Traum mit einer Schriftrolle in der Hand auf die Erde
herabsteigen.“ „Was willst du?“ fragte
ich ihn. „Ich schreibe die Namen der
Freunde Gottes nieder“, gab Gabriel zur Antwort. „Schreib meinen Namen
auf“, sagte ich. „Du gehörst nicht dazu“,
antwortete Gabriel. „Ich bin ein Freund der
Freunde Gottes“, wandte ich ein. Gabriel dachte eine Weile nach und
dann sagte er. „Der Befehl ist ergangen
„Schreib ein Ibrahims Name als erstes. Denn auf diesem Pfad erscheint
Hoffnung aus der Verzweiflung.“ Eines Tages reiste Ibrahim durch die
Wüste, als er von einem Soldaten angehalten wurde. „Was bist du?“ fragte
der. „Ein Diener“ antwortete
Ibrahim. „Wo ist dein zuhause?“
fragte der Soldat weiter. Ibrahim zeigte auf den Friedhof. „Du treibst Scherze mit
mir“, schrie der Soldat und schlug Ibrahim an den Kopf, so dass Blut
spritzte. Sodann band der Soldat ein Seil um Ibrahims Hals und schleppte ihn
fort. Leute, die vom nahen Dorf des Weges kamen, blieben dieses Aufzugs wegen
stehen. „Dummkopf“, riefen sie,
„das ist doch Ibrahim ibn Adham, der Freund Gottes!“ Der Soldat fiel vor Ibrahim auf die
Knie und flehte ihn an, ihm zu vergeben und ihn von dem freizusprechen, was
er ihm angetan hatte. „Du hast mir doch gesagt, du
wärst ein Diener“, flehte er. „Wen gibt es denn, der kein
Diener wäre?“ erwiderte Ibrahim. „Ich habe deinen Schädel
zerschlagen und du hast für mich gebetet“, klagte der Soldat. „Ich betete darum, dass du
dafür gesegnet würdest, wie du mich behandelt hast“, war Ibrahims
Antwort. „Mein Lohn dafür, wie du mich behandelt hattest war das
Paradies und ich wollte nicht, dass dein Lohn dafür die Hölle wäre.“ „Warum hast du mich an den
Friedhof verwiesen, als ich nach deinem zuhause fragte?“ wollte der
Soldat wissen. „Weil jeden Tag der Friedhof
voller wird und die Städte wüster werden“, antwortete Ibrahim. Einmal ging Ibrahim bei einem
Betrunkenen vorbei, dessen Mund gar schmutzig war. So holte Ibrahim Wasser
und säuberte den Mund des Betrunkenen. „Wenn du diesen Mund
ungewaschen lässt, der doch den Namen Gottes ausgesprochen hat, wäre dies
Pietätlosigkeit“, sagte Ibrahim zu sich. „Der Asket aus Khorasan hat
dir den Mund gewaschen“, erzählten die Leute dem Mann, als er wieder
nüchtern war. „Ich bereue jetzt auch“,
erklärte der Mann. Danach vernahm Ibrahim im Traum:
„Du hast einen Mund um Meinetwillen gewaschen. Ich habe dein Herz
gewaschen.“ „Eines Tages war ich mit
Ibrahim an Bord eines Schiffes“, erzählte Raja, als plötzlich starker
Wind aufkam und das Wasser dunkel wurde. „Wehe, das Schiff
sinkt“, schrie ich. „Fürchte nicht den Untergang
des Schiffes“, kam eine Stimme von oben, „Ibrahim ibn Adham ist
bei dir.“ Sofort flaute der Wind ab und das
Wasser hellte wieder auf. Ibrahim wollt auf ein Schiff gehen,
hatte aber kein Geld. „Jeder hat einen Dinar zu
bezahlen“, kam die Durchsage. Ibrahim betete zwei Rak’as und
sprach: „O Gott, sie verlangen Geld von mir und ich habe keines.“
Sofort verwandelte sich das ganze
Meer in Gold. Ibrahim nahm eine Handvoll und gab sie den Leuten. Eines Tages saß Ibrahim am Ufer des
Tigris und nähte an seinem abgetragenen Mantel. Da fiel ihm die Nadel in den
Fluss. „Du hast ein so gewaltiges Königreich
aufgegeben. Was hast du dafür bekommen?“ fragte ihn jemand. „Gib mir meine Nadel
zurück“, rief Ibrahim und zeigte auf das Wasser. Tausend Fische steckten darauf ihr
Haupt aus dem Wasser, ein jeder hatte eine goldene Nadel im Maul. Ein
unscheinbarer kleiner Fisch trug Ibrahims Nadel in seinem Maul. „Dies ist das Geringste der
Dinge, die ich dafür bekam, dass ich das Königreich von Balkh aufgab und von
den übrigen kannst du dir nicht mal eine Vorstellung machen.“ Eines Tages kam Ibrahim an einen Brunnen.
Er ließ den Kübel hinab, den er mit Gold vollgefüllt wieder heraufzog. Er
leerte ihn aus und ließ ihn wieder hinunter. Diesmal kam er voller Perlen
herauf. Vergnügt leerte er auch diesen. „O Gott“, rief er,
„Du bietest mir einen Schatz an. Ich weiß, Du bist allmächtig und Du
weißt, dass ich von Solchem nicht irregeführt werde. Gib mir Wasser, damit
ich meine Gebetswaschung verrichten kann.“ Einmal war Ibrahim in Gemeinschaft
auf Pilgerfahrt. „Keiner von uns hat ein Kamel
oder sonst Verpflegung“, sagten seine Reisegefährten. „Verlasst euch auf Gott, der
euch versorgen wird“, sagte Ibrahim zu ihnen. Dann fügte er hinzu. „Seht euch diese Bäume an!
Wenn es Gold ist, was ihr euch wünscht, so werden sie zu Gold
verwandelt.“ Alle Akazien die dort standen, wurden
durch die Macht Gottes gleich in Gold verwandelt. Einmal reiste Ibrahim mit einer
Gruppe, als sie zu einer Festung kamen. Vor dieser Festung gab es viel
Unterholz. „Wir werden die Nacht hier
verbringen“, sagten sie, „da gibt es genug Holz, um ein Feuer zu
machen.“ Sie entzündeten ein Lagerfeuer und
saßen in dessen Licht darum herum. Alle aßen sie Brot, wohingegen Ibrahim im
Gebet stand. „Wenn wir nur etwas gesetzlich
einwandfreies Fleisch hätten, um es hier am Feuer zu rösten“, sagte
einer. Ibrahim beendete sein Gebet und
sagte dann. „Gewiss ist Gott in der Lage, euch mit gesetzlich erlaubtem
Fleisch zu versorgen. Nachdem er dies gesagt hatte, begab
er sich wieder ins Gebet. Da hörten sie das Gebrüll eines Löwen, der in der
Nähe vorbeikam und einen wilden Esel im Maul trug. Sie nahmen den Esel,
rösteten sein Fleisch und aßen es, während der Löwe an der Seite kauerte und
ihnen dabei zusah. Abu ‘l-Faiz Thauban ibn
Ibrahim al-Misri, genannt Dhu ‘l-Nun, wurde zu Ekhmim in Oberägypten ca.
180 (796) geboren, studierte unter vielen Lehrern und bereiste ausgiebig
Arabien und Syrien. 214 (829) wurde er
wegen Häresie verhaftet und in Bagdad ins Gefängnis geworfen. Nach einer
Untersuchung wurde er auf Befehl des Kalifen entlassen und nach Kairo zurück
gebracht wo er 246 (861) starb. Sein Grabstein ist bis heute erhalten
geblieben. Legendären Ruf erwarb er sich als Alchemist und Thaumaturge und
vermutlich war ihm das Geheimnis der ägyptischen Hieroglyphen bekannt. Eine
Anzahl von Gedichten und einige kurze Abhandlungen werden ihm zugeschrieben,
welche allerdings als apokryph gelten. Dhu ‘I-Nun der Ägypter und wie er bekehrt wurde Dhu ‘l-Nun der Ägypter
erzählte folgende Geschichte über seine Bekehrung. „Ich hatte von einem gewissen Asketen
gehört, der in einer Höhle lebte und beschloss ihn aufzusuchen. Als ich zu
dieser Höhle kam, sah ich ihn von einem Baum herunterhängen. „O Körper“, hörte ich
ihn sagen, „hilf mir dabei, Gott zu gehorchen, sonst lasse ich dich da
hängen, bis du an Hunger stirbst.“ Du überkamen mich die Tränen und
dieser Gottergebene hörte mein Weinen. „Wer ist da?“ rief er,
„wer hat da Mitleid mit einem, dessen Scham gering, doch dessen
Vergehen viele sind?“ Ich näherte mich ihm und grüßte ihn. „Was machst du denn hier?“
fragte ich. „Dieser, mein Körper hier,
gibt mir keinen Frieden in meinem Gehorsam gegen Gott“, gab er zur
Antwort, „er will sich an anderen Menschen reiben.“ Ich schloss aus diesen Worten, er
hätte das Blut eines Muslims vergossen oder ein andere Todsünde begangen. „Hast du denn nicht
bemerkt“, sagte der Asket weiter, „dass wenn du dich einmal mit
anderen Menschen einlässt, alles andere folgt?“ „Was bist du nur für ein
gewaltiger Asket“, rief ich. „Willst du jemanden kennen
lernen, der ein noch gewaltigerer Asket ist?“ frage er. „Doch, schon“, meinte
ich. „Dann steige diesen Berg
hinauf, dort wirst du ihn finden“, verriet er mir. Ich machte mich also auf den Weg und
fand einen jungen Mann suqatting in seiner Klause. Eines seiner Beine hatte
er amputiert und aus der Behausung geworfen, wo es nun da lag und von den
Würmern zerfressen wurde. Ich näherte mich ihm, grüßte ihn und fragte ihn
nach seiner Geschichte. „Eines Tages“, so
erzählte er, „saß ich hier in meiner Klause, als eine Frau des Weges
kam. Mein Herz flog ihr zu und mein Körper verlangte von mir ihr zu folgen.
Als ich nun einen Fuß aus meiner Zelle setzte, vernahm ich eine Stimme, die
zu mir sagte: „Schämst du dich nicht, nach dreißig Jahren gehorsamen
Gottesdienst auf den Teufel zu hören und einem leichten Mädchen
nachzulaufen?“ So habe ich mir diesen Fuß abgeschnitten, den ich aus
meiner Klause heraus gesetzt hatte und nun sitze ich hier und warte was mit
mir geschehen wird und was man mit mir machen wird. Und was hat dich bewogen
solche Sünder aufzusuchen? Wenn du einen wahren Mann Gottes finden willst, so
begib dich auf den Gipfel dieses Berges.“ Der Berg erschien mir viel zu hoch
für mich zu sein und so wollte ich mehr über diesen Mann erfahren. „Ja“, meinte der
Einsiedler, „es ist nun schon eine geraume Zeit, dass dieser Mann mit
Gottesdienst beschäftigt ist. Eines Tages kam ein Mensch zu ihm, zankte mit
ihm und erklärte ihm, dass man sein täglich Brot verdienen müsse. Da legte
der in Gott Ergebene einen Eid ab, dass er nichts mehr essen würde, welches
den Besitz irgendwelcher weltlichen Güter erfordern würde. Viele Tage nahm er
darauf nichts mehr zu sich. Dann sandte ihm der Allmächtige Gott einen Bienenschwarm,
der ihn ganz umhüllte und ihm Honig schenkte.“ Diese Dinge die ich da gesehen und
gehört hatte hatten mich tief betroffen gemacht und bedrückten mein Herz. Ich
hatte erkannt, dass, wenn jemand sein Vertrauen in Gott legt, Gott für ihn
sorgt und er seine Schmerzen nicht vergeblich erträgt. Als ich so meinen Weg
fortsetzte, entdeckte ich ein blindes Vöglein, welches von einem Baum
herunterflatterte. „Woher soll diese kleine,
hilflose Kreatur nun Nahrung und Wasser erhalten?“ rief ich laut. Das Vöglein scharrte mit seinem Schnabel
auf der Erde und zwei Schüsseln kamen zum Vorschein. Eine goldene, voll mit
Körnern und die andere aus Silber mit Rosenwasser gefüllt. Das Vöglein
stillte seinen Hunger und Durst und flog wieder auf seinen Baum zurück.
Darauf hin verschwanden diese beiden Schüsseln.“ Überwältigt legte von da an Dhu
‘l-Nun sein Vertrauen vollständig in Gott. Er war noch ein gutes Stück
weitermarschiert und als die Nacht anbrach, war er an den Rand einer Wüste
gekommen. Da entdeckte er einen Topf, randvoll angefüllt mit Gold und Juwelen
und bedeckt war der Topf mit einem Tablett, auf welchem der Name Gottes
geschrieben stand. Seine Gefährten teilten das Gold und die Juwelen unter
sich auf. „Gebt mir nur dieses Tablett,
auf welchem der Name meines Freundes geschrieben steht“, forderte Dhu
‘l-Nun. Er nahm das Tablett und küsste es
die ganze Nacht lang und den Tag darauf, bis der Segen dieses Tabletts ihn
träumen ließ und er eine Stimme zu ihm sprechen hörte, „Alle anderen
haben das Gold und die Juwelen begehrt, denn sie sind kostbar. Doch du hast
etwas gewählt, was erhabener ist als diese, meinen Namen. Daher habe ich für
dich das Tor des Wissens und der Weisheit geöffnet.“ Darauf kehrte Dhu ‘l-Nun in
die Stadt zurück, wo seine Geschichte Fortsetzung fand. „Eines Tages wandelte ich an
den Ausläufen eines Flusses, als ich einen Pavillon entdeckte. Ich vollzog
meine rituelle Waschung und dabei fiel mein Blick auf das Dach dieses
Pavillons, auf welchem ein wunderschönes Mädchen stand. Ich wollte sie prüfen
und daher fragte ich sie: „Mädchen, zu wem gehörst du?“ „Dhu ‘l-Nun, als ich
dich aus der Ferne kommen sah, dachte ich, du wärst ein Verrückter, als du
näher kamst, dachte ich, du wärst ein Gelehrter, als du noch näher kamst,
dachte ich, du wärst ein Mystiker. Nun sehe ich, dass du weder verrückt, noch
ein Gelehrter und auch kein Mystiker bist.“ „Wie meinst du das?“
wollte ich überrascht wissen. „Wärst du ein
Verrückter“, gab sie zur Antwort, „hättest du nicht deine
Gebetswaschung vollzogen. Wärst du ein Gelehrter, hättest du nicht
angestarrt, was deinem Blick verboten ist und wärst du ein Mystiker, hättest
du nichts anderes als Gott erblickt.“ Mit diesen Worten verschwand sie und
ich erkannte, dass sie kein sterbliches Geschöpf gewesen, sondern als Warnung
zu mir geschickt worden war. Ein Feuer entbrannte in meiner Seele und ich
eilte hin zum Meer. Als ich ans Ufer gelangt war, erblickte ich eine Gruppe
Menschen, die gerade ein Schiff bestiegen. Auch ich ging an Bord. Nachdem
einige Tage vergangen waren, geschah es, dass einer der Händler einen
Edelstein an Bord verloren hatte. Ein Passagier nach dem anderen wurde
angehalten und durchsucht. Schließlich kamen sie einstimmig zur Auffassung,
dass ich diesen Edelstein hätte. Sie beschimpften mich und behandelten mich
zutiefst geringschätzig, doch ich schwieg zu all dem. Letztlich konnte ich
diese Behandlung nicht mehr ertragen und rief: „O mein Schöpfer, Du weißt die
Wahrheit!“ Darauf erhoben tausende von Fischen
ihre Köpfe aus dem Wasser, jeder mit einem Juwel im Maul. Dhu ‘l-Nun nahm einen
Edelstein von einem der Fische und gab ihn dem Kaufmann. Als sie dies sahen,
fielen alle an Bord Dhu ‘l-Nun vor die Füße und flehten um seine
Vergebung. So hoch war sein Ansehen unter den Menschen gestiegen und daher
wurde er Dhu ‘l-Nun („der Fischmann“) genannt. Dhu ‘l-Nun wird verhaftet und nach Bagdad gebracht Als Dhu ‘l-Nun schon einen
sehr hohen (geistigen) Rang bekleidete, war sich niemand seiner Größe
bewusst. Die Leute aus Ägypten verleumdeten ihn ständig als Häretiker und
informierten den Kalif Muttawakil über seine Taten. Muttawakil befahl seinen
Schergen ihn zu verhaften und in Fesseln ihm vorzuführen. Als Dhu
‘l-Nun des Kalifen Hof betrat verkündete er, „Heute habe ich den wahrhaften
Islam durch eine alte Frau kennen gelernt und wahre Höflichkeit von einem
Wasserträger.“ „Wie das?“ wurde er
gefragt. „Als ich an des Kalifen Hof
gebracht wurde“, erwiderte er, „und dessen Pracht erblickte, mit
all den Ordonanzen und Hofschranzen, welche durch die Gänge eilen, wünschte
ich eine Verwandlung meines Aussehens. Da trat eine Frau mit einem Stab in
der Hand an mich heran und sprach zu mir. „Hab keine Angst vor dem
Körper, vor den man dich nun bringen wird, denn er und du seid beide Diener
des Einen Allmächtigen Herrn. Und wenn Gott es nicht will, können sie seinem
Diener nichts anhaben.“ Und dann sah ich einen Wasserträger
auf der Strasse, der mir einen Schluck Wasser reichte. Ich gab einem der mit
mir war ein Zeichen, ihn zu bezahlen, doch dieser Wasserträger weigerte sich
irgendeine Bezahlung anzunehmen. “Du bist ein Gefangener in
Ketten“, sagte er, „und es wäre keineswegs anständig, von solch
einem Gefangenen, einem Fremden in Ketten etwas abzuverlangen.““ Kurze Zeit darauf wurde befohlen,
Dhu ‘l-Nun ins Gefängnis zu werfen. Vierzig Tage und Nächte verbrachte
er eingekerkert und jeden Tag brachte ihm die Schwester von Bashr, dem
Barfüssigen einen Laib Brot, den sie mit der Arbeit ihrer Spindel verdient
hatte. Als er aus dem Gefängnis entlassen wurde, waren die vierzig Laib Brot
noch immer unangetastet. Als Bashirs Schwester dies hörte, war sie sehr
traurig. „Du weißt“, sagte sie,
„dass dieses Brot aus ehrlicher Quelle stammte. Warum hast du es nicht
gegessen?“ „Weil der Teller unrein
war“ antwortete Dhu ‘l-Nun und meinte, dass es durch die unreinen
Hände des Kerkermeisters gegangen war. Als Dhu ‘l-Nun aus dem Kerker
trat, stolperte er und schlug sich die Stirn wund. Es wird erzählt, dass
obwohl viel Blut floss, nicht ein Tropfen in sein Gesicht, auf sein Haar oder
sein Gewand fiel und alles Blut, welches auf den Boden tropfte, sofort, auf
den Befehl des Allmächtigen Gottes verschwand. Dann zerrten sie ihn vor den
Kalifen, der ihm befahl, zu den Anschuldigungen Stellung zu nehmen. Er
erklärte seine Lehre in solch besonderer Art, dass der Kalif in Tränen
ausbrach und die Minister voller Erstaunen seine Beredsamkeit bewunderten. So
wurde der Kalif sein Schüler und bedachte ihn mit hohen Ehren. Dhu ‘l-Nun und der fromme Schüler Dhu ‘l-Nun hatte einen
Schüler, der vierzigmal die vierzigtägige Einkehr hinter sich gebracht,
vierzigmal auf dem Berg Arafat gestanden hatte und vierzig Jahre lang die
Nächte hindurch wach geblieben war. Vierzig Jahre lang hatte er einen Wächter
über sein Herz gesetzt. Eines Tages kam er zu Dhu ‘l-Nun und sprach zu
ihm. „Vierzig Jahre lang habe ich
all dies getan und dennoch spricht der Freund kein Wort mit mir und schenkt
mir keinen einzigen Blick. Er beachtet mich weder, noch offenbart Er mir
etwas aus der unsichtbaren Welt. All das sage ich nicht, um mich zu loben,
sondern zähle nur Tatsachen auf. Alles habe ich getan, was mir Armseligen
eben möglich war. Ich klage nicht gegen Gott. Ich führe nur die Tatsache an,
dass ich mein ganzes Herz und meine Seele in Seinen Dienst stelle. Doch ich
erzähle die traurige Geschichte meines bösen Glücks, die Geschichte meines
Unglücks. Ich sage dies auch nicht, weil mein Herz der Gehorsamkeit
überdrüssig wurde. Ich fürchte nur, sollte ich noch weiterleben, dass es so
weitergehen wird. Denn ein ganzes Leben habe ich an das Tor der Hoffnung
geklopft und doch keine Antwort erhalten. Nun fällt es mir schwer, dies noch
länger zu ertragen. Da du der Arzt der Unglücklichen bist, der höchste
Rezeptschreiber der Weisen, behandle nun doch meine Verzweiflung.“ „Geh und iss dich satt heute
Nacht“, riet ihm Dhu ‘l-Nun. „Lass das Gebet vor dem
Zubettgehen aus und schlafe die ganze Nacht durch. So kann es sein, dass,
wenn sich der Freund nicht in Zuwendung zeigt, Er sich doch wenigstens in
Vergeltung zeigt; zeigt Er sich dir nicht in Vergebung, so vielleicht doch in
Strenge.“ Der Derwisch verließ ihn und aß bis
er endlich einmal satt war. Sein Herz gestatte ihm allerdings nicht, das
Gebet zu vernachlässigen und so verrichtete der das Gebet und ging schlafen.
Diese Nacht sah er den Propheten im Traum. „Dein Freund grüßt
dich“, sagte der Prophet, „Er sagt: „ein unglückselig
Ruchloser und Betrüger ist der, welcher an meinen Hof kommt und gleich
zufrieden gestellt ist. Die Ursache dieser Angelegenheit ist Aufrichtigkeit
des Lebens und keine Vorwürfe. Gott der Allmächtige verkündet, Ich habe
Deinem Herzen seine Wünsche vierzig Jahre erfüllt und gewähre dir alles,
wonach du dich sehnst. Doch bestelle Dhu ‘l-Nun diesem Gauner, diesem
Heuchler meine Grüße. Sag diesem Lügner und Betrüger, „wenn Ich deine
Scham nicht vor der ganzen Stadt entblöße, bin Ich nicht dein Herr. Sieh zu,
dass du die unglücklichen Liebenden an meinem Hofe nicht betrügst und sie von
ihm wegscheuchst.““ Der Schüler erwachte
tränenüberströmt und begab sich gleich zu Dhu ‘l-Nun und erzählte ihm
was er gesehen und gehört hatte. Als Dhu ‘l-Nun die Worte: „Gott
grüßt dich und bezeichnet Dich als Heuchler und Lügner“, geriet er aus
Freude gänzlich aus der Fassung und völlig enthemmt begann er zu lachen, bis
ihm die Tränen kamen. Dhu ‘l-Nuns Anektoten Dhu ‘l-Nun erzählte folgende
Geschichte „Ich war in den Bergen
unterwegs und traf dort auf ein bedauernswertes Volk. „Was ist euch denn
zugestoßen?“ fragte ich. „Ein Einsiedler lebt hier in seiner
Klause“, antworteten sie, „und einmal im Jahr kommt er heraus und
heilt mit seinem Atem die Leute. Dann kehrt er wieder in seine Klause zurück
und erscheint erst wieder nach einem Jahr.“ Ich wartete geduldig bis dieser
Einsiedler heraus kam und erblickte einen blassen Mann mit eingefallenen
Augen. Sein Anblick ließ mich erzittern. Mitleidig überblickte er die Menge
und dann erhob er die Augen zum Himmel und blies mehrmals über die
bedauernswerten Menschen. Alle wurden geheilt. Als er in seine Klause zurücktreten
wollte, ergriff ich ihn bei seinem Hemd. „Um der Liebe Gottes
willen“, rief ich, „du hast die äußerlichen Krankheiten geheilt,
so bete und heile die inwendige Krankheit.“ „Dhu ‘l-Nun“ sagte
er und starrte mich an, „nimm deine Hand von mir. Der Freund beobachtet
uns von der höchsten Höhe der Macht und Majestät. Wenn er dich an jemand
anderen klammern sieht, wird er dich dieser Person ausliefern und diese
Person dir ausliefern und ihr werdet beide aneinander zugrunde gehen.“ Mit diesen Worten verschwand er in
seiner Zelle.“ Eines Tages fanden Freunde die Dhu
‘l-Nun besuchten ihn in Tränen aufgelöst. „Warum weist du?“
fragten sie. „Letzte Nacht, als ich mich im
Gebet niederwarf“, gab er zur Antwort, „bin ich eingeschlafen.
Ich erblickte den Herrn und er sprach zu mir, „O Abu `l-Faiz, Ich
erschuf alle Lebewesen und sie trennten sich in zehn Teile. Ich bot ihnen die
materielle Welt an und neun dieser zehn Gruppen wandten sich ihr zu und nur
ein Teil blieb über. Diese Gruppe spaltete sich erneut in zehn Abteilungen.
Ich bot diesen das Paradies an und neun von ihnen wandten sich ihm zu und
eine Gruppe blieb übrig. Diese eine Gruppe spaltete sich wiederum in zehn
Teile. Ich setzte die Hölle vor sie und sie alle flohen von ihr und
zerstreuten sich vor lauter Angst vor ihr, nur eine Gruppe blieb über,
nämlich jene, welche weder von der materiellen Welt angezogen wurden, noch
das Paradies begehrte und auch die Hölle nicht fürchtete. Ich sagte zu ihnen,
„Meine Diener, ihr habt die materielle Welt nicht beachtet, das
Paradies nicht begehrt, noch die Hölle gefürchtet. Wonach begehrt ihr?“
Sie erhoben die Häupter und riefen: „Du weißt am besten, wonach wir
begehren.“ Eines Tages suchte ein Knabe Dhu
‘l-Nun auf und sagte, „Ich besitze hundert tausend Dinare und
will sie in deinem Dienst ausgeben. Ich will dieses Gold für deine Derwische
verwenden. „Bist du schon
erwachsen?“ fragte ihn Dhu ‘l-Nun. „Nein“, gab dieser zur
Antwort. „Dann steht es dir nicht zu,
solche Ausgaben zu tätigen“, belehrte ihn Dhu ‘l-Nun. „Warte
geduldig bis du erwachsen geworden bist.“ Als die Zeit gekommen war, kehrte
der Junge zu Dhu ‘l-Nun zurück, bereute in seinen Händen und gab all
sein Gold den Derwischen bis nichts mehr von diesen hundert tausend Dinaren
übrig war. Nicht viel später geschah ein
Unglück, doch nichts war den Derwischen geblieben, hatten sie doch das ganze
Geld ausgegeben. „Welch ein Pech, dass es nicht
noch einmal hundert tausend gibt, damit ich sie für diese wunderbaren Männer
ausgeben könnte“, sagte der Wohltäter. Als Dhu ‘l-Nun ihn diese Worte
sprechen hörte, erkannte er, dass der junge Mann noch nicht zur inneren
Wahrheit des mystischen Lebens vorgedrungen war, da weltliche Güter noch
immer von Bedeutung für ihn waren. Er rief den jungen Mann zu sich und wies
in an, „Geh zu jenem Apotheker und sag ihm von mir, er soll dir für
drei Dirham von der-und-der Medizin geben.“ Der Junge tat wie ihm geheißen und
kehrte gleich darauf zurück. „Gib die Sachen in den Mörser
und zerreibe sie zu feinem Pulver“, befahl ihm Dhu ‘l-Nun.
„dann füge etwas Öl dazu, damit es zu einer Paste wird. Forme daraus
drei Kügelchen, durchstoße jedes mit einer Nadel und dann bringe sie
mir.“ Der Junge tat wie ihm aufgetragen
war und brachte ihm die Kügelchen. Dhu ‘l-Nun rieb sie in seinen
Händen und blies über sie und sie verwandelten sich in drei Rubine, so schön
wie man es noch nie gesehen hatte. „Nun nimm sie, bringe sie zum
Marktplatz und lasse ihren Wert schätzen“, befahl ihm Dhu ‘l-Nun,
„aber verkaufe sie nicht!“ Der Junge ging und jeder Stein wurde
auf tausend Dinare geschätzt. Er ging zu Dhu ‘l-Nun zurück und
berichtete ihm dieses Ergebnis.“ „Jetzt gib sie in diesem
Mörser, zerstoße sie und wirf sie ins Wasser“, wies Dhu ‘l-Nun
ihn an. Der Junge führte getreulich aus, wie
es ihm aufgetragen worden war. „Mein Junge“, sagte Dhu
‘l-Nun, „diese Derwische sind nicht hungrig weil sie zuwenig Brot
haben, sie haben sich dafür freiwillig entschieden.“ Der Junge bereute und seine Seele
erwachte und fortan hatte die Welt keinen Wert mehr in seinen Augen. Dhu ‘l-Nun erzählte folgende
Begebenheit. „Dreißig Jahre habe ich die
Menschen zur Reue aufgerufen, doch nur eine einzige Person kam an den Hof
Gottes in rechtem Gehorsam. Und dies begab sich folgendermaßen. Eines Tages zog ein Prinz mit seinem
Gefolge an mir vor der Moschee vorbei und ich sprach folgende Worte. „Kein Mensch ist dümmer, als
ein Schwächling, der sich mit den Starken anlegt.“ „Was soll dies bedeute?“
begehrte der Prinz zu wissen. „Der Mensch ist ein
Schwächling und doch legt er sich mit Gott an, der der Starke ist“,
sagte ich. Der junge Prinz wurde blass, stand
auf und entfernte sich. Nächsten Tag kehrte er zurück. „Welches ist der Weg zu
Gott?“, verlangte er zu wissen. „Es gibt den großen und den
kleinen Weg“, antwortete ich, „welchen der beiden willst du? Wenn
du nach dem kleinen begehrst, dann sage dich los von dieser Welt, den
fleischlichen Gelüsten und sündigem Treiben. Willst du den großen, dann sage
dich von allem los außer von Gott und entleere dein Herz aller Dinge.“ „Bei Gott“, sprach der
Prinz, „ich wähle den großen Weg:“ Am nächsten Tag legte er das wollene
Gewand an und begab sich auf den mystischen Pfad. Und auf rechtem Weg wurde
er zu einem Heiligen. Die folgende Geschichte erzählte Abu
Ja’far der Uniyde. Ich war mit Dhu ‘l-Nun und all
seinen Gefährten zusammen und sie erzählten sich Geschichten über unbelebte
Dinge, welche Befehle befolgten. Im Raum stand auch ein Sofa. „Ein Beispiel“, sagte
Dhu ‘l-Nun, „wäre, wenn ich diesem Sofa befehlen würde, um das
Haus herumzulaufen und es diesem Befehl nachkäme.“ Dhu ‘l-Nun hatte noch nicht
ausgesprochen als das Sofa sich in Bewegung setzte und das Haus zu umrunden
begann und sich anschließend wieder auf seinen Platz zurück begab. Ein
anwesender junger Mann brach in Tränen aus als er dies sah und gab darauf
seinen Geist auf. Sie wuschen seinen Leichnam auf genau diesem Sofa und
begruben ihn. Eines Tages kam ein Mann zu Dhu
‘l-Nun und sagt, „Ich bin verschuldet und nicht in der Lage meine
Schulden zu bezahlen.“ Dhu ‘l-Nun hob einen Stein vom Boden auf
und gab ihn dem Mann. Dieser trug ihn zum Basar und verkaufte ihn um 400
Dirhams, denn er war zu einem Smaragd geworden und bezahlte seine Schulden. Ein bestimmter junger Mann hetzte
immerfort gegen die Sufis. Eines Tages nahm Dhu ‘l-Nun
seinen Ring vom Finger und überreichte ihn diesem Jungen. „Bringe ihn auf den Markt und
biete ihn um einen Dinar an“, sagte er zu ihm. Der Junge trug den Ring zum Markt,
doch keiner wollte mehr als einen Dirham dafür bezahlen. Mit dieser Nachricht
kehrte der junge Mann zurück. „Nun bringe ihn zu den
Juwelieren und siehe auf welchen Wert sie ihn schätzen“, trug Dhu
‘l-Nun ihm auf. Die Juweliere taxierten den Ring auf
etwa eintausend Dinar. „Du weißt über die Sufis in
etwa so gut Bescheid“, sagte Dhu ‘l-Nun, „wie diese
Stallburschen auf dem Markt über diesen Ring Bescheid wissen.“ Der Junge bereute und legte sein
Misstrauen gegenüber den Sufis ab. Dhu ‘l-Nun hatte seit zehn
Jahren Verlangen nach Sekbaj und
doch diesem Begehren niemals nachgegeben. Nun war der Abend des Feiertages
gekommen und seine Seele flüsterte ihm zu, „Na, wie wäre es, wenn du
uns Morgen einen mundvoll Sekbaj
als Feiertagsgeschenk vergönnen würdest?“ „Seele“, antwortete Dhu
‘l-Nun, „wenn du von mir verlangst, dir diesen Wunsch zu erfüllen,
dann sei mit mir heute Nacht einverstanden in zwei Rakats den ganzen
Qur’an zu rezitieren.“ Seine Seele war einverstanden. Am
nächsten Tag bereitete Dhu ‘l-Nun Sekbaj
vor und stellte es seiner Seele vor die Nase. Er wusch seine Finger und begab
sich ins Gebet. „Was geschah dann?“
wurde er gefragt. In diesem Moment sagte meine Seele
zu mir „Wenigstens nach zehn Jahren habe ich das Ziel meines Begehrens
erreicht.“ „Bei Gott“, antwortete ich, „du wirst
dieses Ziel nicht erreichen.“ Der Erzähler dieser Geschichte
berichtete, dass einen Moment, nachdem Dhu ‘l-Nun dies gesagt hatte,
ein Mann das Zimmer betrat und einen Topf Sekbaj
vor ihn stellte. „Meister“, sprach er,
„ich komme nicht aus eigenem, sondern wurde gesandt. Lass es mich
erklären. Ich verdiene meinen Lebensunterhalt als Lastenträger und habe
Kinder. Seit einiger Zeit schon bitten sie mich um Sekbaj
zum Feiertag. Ich hatte also dafür gespart und letzte Nacht Sekbaj zum Feiertag zubereitet. Heute
begegnete mir im Traum die weltentrückende Schönheit des Gesandten Gottes der
zu mir sprach. „Bring dies dem Dhu ‘l-Nun und richte ihm aus,
dass Muhammad, der Sohn des Abd Allah, der Sohn des Abd al-Muttalib ihn
bittet, einen Moment Waffenstillstand mit seiner Seele schließen und einige Mundvoll
davon zu nehmen.“ „Ich gehorche“, sagte
Dhu ‘l-Nun unter Tränen. Als Dhu ‘l-Nun auf seinem
Sterbebett lag fragten ihn seine Freunde, „Was wünscht du?“ „Mein Wunsch ist“,
antwortete er, „dass bevor ich sterbe, und sei es nur für einen kleinen
Moment, ich Ihn erkennen könnte.“ Und dann sprach er folgende Verse. Die Furcht hat mich verbraucht Mein Sehnen hat mich aufgelöst Die Liebe mich betört Gott mich ins Leben hat
zurückgebracht Einen Tag später verlor er das
Bewusstsein. Und an dem Tag, an welchem er diese Welt verließ, sahen siebzig
Menschen den Propheten im Traum und alle berichteten, dass der Prophet gesagt
hatte, „Der Freund Gottes kommt ich komme um ihn zu begrüßen.“ Als er starb erschienen in grüner
Schrift folgende Worte auf seinen Augenbrauen, „Dies ist der Freund
Gottes. Er starb in Liebe für Gott. Er ist das Opfer durch das Schwert
Gottes.“ Als sie seinen Sarg zu Grabe trugen,
war es sehr heiß. Die Vögel aus der Luft kamen angeflogen und fächelten mit
ihren Flügeln kühlen Wind seinem Leichnam zu, bis er von seinem Haus zum
Friedhof getragen worden war. Als er nun auf seinem letzten Weg
unterwegs war, rief ein Muezzin zum Gebet und als dieser zum
Einheitsbekenntnis kam, hob Dhu ‘l-Nun seinen Finger aus dem
Leichentuch. „Er lebt!“ erschallte
der Ruf und sie stellten den Leichnam nieder. Der Finger blieb erhoben, doch
er war tot und wie sehr sie sich auch bemühten, sie konnten den Finger nicht
zurück biegen. Als die Leute aus Ägypten davon Kunde erhielten, schämten sie
sich für alles was sie ihm Übles angetan hatten. Sie verrichteten noch Dinge
über seinem Staub, über die man gar nicht sprechen kann. Abu Yazid Taifur ibn ‘Isa ibn
Sorushan al-Bistami wurde als Enkel eines Zoroastriers in Bistam, im
nordöstlichen Persien geboren, wo er auch 261 (874) oder 264 (877) starb.
Sein Mausoleum steht immer noch dort. Als Begründer der ekstatischen
(trunkenen) Schule im Sufitum ist er für die Kühnheit bekannt, mit welcher er
den Zustand der vollkommenen Auflösung in der göttlichen Sphäre zum Ausdruck
brachte. Besonders die Beschreibung einer Reise in den Himmel (eine Anlehnung
an die Himmelfahrt des Propheten) wurde von Verfassern späterer Werke
intensiv weiter bearbeitet und beeinflusste die Vorstellung jener, die nach
ihm kamen ganz außerordentlich. Abu Yazids Geburt und frühen Jahre Abu Yazid al-Bistamis Großvater war
ein Zoroastrer und sein Vater einer der führenden Bürger Bistams. Abu Yazids
außergewöhnliche Laufbahn begann bereits im Leib seiner Mutter. „Jedes Mal wenn ich einen
zweifelhaften Bissen in den Mund steckte,“ pflegte seine Mutter ihm zu
erzählen, „hast du in meinem Bauch zu strampeln begonnen und erst
wieder damit aufgehört, wenn ich diesen Bissen aus dem Mund nahm.“ Diese Geschichte wird von Abu Yazid
selbst bestätigt. „Was ist das Beste für einen
Mann auf dem Weg?“ wurde er gefragt. „Angeborenes Glück“, gab
er zur Antwort. „Und wenn dies fehlt?“ „Ein starker Körper.“ „Und wenn der schwach
ist?“ „Ein aufmerksames
Gehör.“ „Und ohne solches?“ „Ein wissendes Herz.“ „Und ohne dieses?“ „Ein sehendes Auge.“ „Und wenn dies auch
fehlt?“ „Ein schneller Tod!“ Wie es sich gehörte, schickte ihn
seine Mutter zur Schule. Er erlernte dort den Qur’an und eines Tages
erklärte sein Meister die Bedeutung eines Verses der Sure Luqman. „Seid
Mir dankbar und euren Eltern.“ Diese Worte berührten Abu Yazids Herz. „Meister“, sagte er und
legte seine Tafel nieder, „erlaubt mir nach Hause zu gehen und einige
Worte an meine Mutter zu richten.“ Der Lehrer erteilte die Erlaubnis
und Abu Yazid ging nach Hause. „Warum, Taifur“, rief
seine Mutter, „warum bist du nach Hause gekommen? Haben sie dir ein
Geschenk gemacht oder hat es irgendeinen anderen besonderen Grund?“ „Nein“, erwiderte Abu
Yazid, „wir haben den Vers besprochen, in welchem mir Gott aufgetragen
hat Ihm und Dir zu dienen. Ich kann doch nicht in zwei Häusern gleichzeitig
den Dienst versehen und so hat es mich zu einem Entschluss gedrängt. Entweder
bittest du Gott um mich, so dass ich völlig dir gehöre oder übergibst mich
Gott, so dass ich vollkommen in Ihm wohnen kann.“ „Mein Sohn”, sagte
darauf seine Mutter, „ich überlasse dich Gott und entbinde dich deiner
Pflichten mir gegenüber. Geh und sei Gottes.“ „Die Aufgabe welche ich als die
hintergründigste erachtete, erwies sich als die vordergründigste“,
erinnerte sich Abu Yazid später. „Und zwar war dies meiner
Mutter zu gefallen. Dadurch dass ich meiner Mutter Ehre erwies, erreichte ich
all das, was ich durch meine vielen Taten der Selbstdisziplinierung und
gottesdienstlichen Handlungen zu erreichen suchte und dies trug sich zu wie
folgt. Eines Nachts bat mich meine Mutter um ein Glas Wasser. Ich ging um
welches zu holen, doch der Krug war leer. Ich nahm den Eimer, doch dieser war
ebenfalls leer und so ging ich zum Fluss um den Eimer zu füllen. Als ich im
Haus zurück war, war meine Mutter wieder eingeschlafen. „Es war eine kalte Nacht. Ich
behielt den Krug in meiner Hand und als meine Mutter erwachte, trank sie
etwas Wasser und segnete mich. Da bemerkte sie, dass der Krug an meiner Hand
angefroren war. „Warum hast du den Krug nicht beiseite gestellt?“
rief sie. „Ich hatte Angst dass du aufwachen würdest, wenn ich gerade
nicht da wäre“, antwortete ich. „Lass die Tür halb offen“,
sagte meine Mutter darauf. Ich gab fast bis zur Morgendämmerung
darauf acht, ob die Türe wohl auch halb offen bliebe und ich die Anordnung
meiner Mutter nicht unbeachtet ließ. Und zur Stunde der Morgendämmerung, trat
das was ich so inniglich und vielmals ersehnt hatte, durch diese Türe
ein.“ Nachdem seine Mutter ihn Gott
überlassen hatte, verließ Abu Yazid Bistam und zog vierzig Jahre im Land
umher und disziplinierte sich selbst mit ununterbrochnem Wachsein und Hunger.
Er suchte hundertdreizehn geistige Vorbilder auf und lernte von ihnen allen. Unter ihnen war einer namens Sadiq.
Er saß zu dessen Füßen, als ihn der Meister plötzlich aufforderte, „Abu
Yazid bring mir das Buch, welches am Fenster liegt.“ „Fenster? Welches
Fenster?“ fragte Abu Yazid. “Was”, sagte der Meister,
“jetzt bist du schon so oft hier her gekommen und hast das Fenster nicht gesehen?“ „Nein,“ antwortete Abu
Yazid, „was habe ich mit dem Fenster zu tun? Wenn ich hier her vor dich
komme, verschließe ich meine Augen vor allem anderen und komme nicht dazu
herumzuschauen.“ „Wenn das so ist“, sagte
sein Lehrer, „geh zurück nach Bistam, deine Arbeit hier ist
abgeschlossen.“ Man hatte Abu Yazid von einem
herausragenden Lehrer an einem gewissen Ort erzählt. So ging er weit, um
diesen aufzusuchen. Als er ganz in seiner Nähe war, sah er diesen in Richtung
Mekka spucken und darauf hin kehrte er auf der Stelle um. „Wenn er auch nur irgendetwas
auf dem Pfad erreicht hätte“, merkte er an, „hätte er sich
niemals der Überschreitung der Gesetzlichkeit schuldig gemacht.“ In diesem Zusammenhang wird erzählt,
dass sein Haus vierzig Schritte von der Moschee entfernt war und er niemals
aus Respekt vor der Moschee auf die Strasse spuckte. Abu Yazid braucht zwölf ganze Jahre
um die Kaaba zu erreichen. Dies deshalb, weil er an jedem Gebetsplatz
anhielt, seinen Gebetsteppich ausrollte und zwei Rakats betete. „Dass ist nicht der Hof eines
weltlichen Königs“, pflegte er zu sagen, „dass man in einem Stück
gleich hinlaufen könnte.“ Letztlich erreichte er doch die
Kaaba. Allerdings gelangte er im gleichen Jahr nicht mehr nach Medina.“ „Es wäre nicht gehörig, diesen
Besuch einfach anzuhängen“, erklärte er, „ich werde eigene
Pilgerkleider für die Reise nach Medina anlegen.“ Das nächste Jahr kehrte er wieder
zurück, und legte das Pilgerkleid extra am Rande der Wüste an. Als er auf
seiner Reise durch eine bestimmte Stadt kam, schlossen sich ihm eine Menge
Leute an und zogen hinter ihm her. „Wer sind diese
Menschen?“ wollte er wissen mit einem Blick zurück. „Sie wünschen in Deiner
Gegenwart zu sein“, kam die Antwort. „Herr und Gott!“ rief
Abu Yazid, „ich bitte Dich, verberge Dich vor Deinen Geschöpfen nicht
durch mich!“ Alsdann wollte er deren Liebe zu ihm
aus ihren Herzen vertreiben und um das Hindernis seiner selbst aus ihrem Pfad
zu entfernen, sprach er nach dem Abendgebet folgendes zu ihnen, „Wahrlich ich bin Gott; und es gibt
keinen anderen Gott als mich; daher dienet mir!“ „Der Mann ist verrückt
geworden“, schrieen sie und verließen ihn sofort. Abu Yazid setzte seinen Weg fort und
fand einen Schädel auf dem geschrieben stand: Taub, stumm und blind – sie verstehen nicht. Mit einem Aufschrei hob er den
Schädel auf und küsste ihn. „Das scheint der Schädel eines
Sufis zu sein“, murmelte er, „der in Gott aufgegangen ist - er hat
kein Ohr die weltliche Stimme zu vernehmen, kein Auge die vergängliche
Schönheit zu erblicken, keine Zunge die Erhabenheit Gottes zu preisen und
keinen Verstand, um so viel wie eine Motte vom wahren Wissen um Gott zu
begreifen. Dieser Vers beschreibt ihn.“ Eines Tages war Abu Yazid mit einem
Kamel unterwegs, dem er einen Sattel mit seiner Verpflegung aufgebunden
hatte. „Armes kleines Kamel, das so
schwer zu tragen hat“, rief jemand, „das ist wirklich
grausam!“ Nachdem Abu Yazid dies immer wieder
und wieder anhören musste, antworte schließlich. „Junger Mann, es ist nicht das
Kamel, welches diese schwere Last zu tragen hat.“ Der Mann kam, um betätigt zu sehen,
dass natürlich das Kamel die Last zu tragen hatte. Er bemerkte jedoch, dass
die Last eine Spanne über des Kamels Rücken schwebte und das Kamel kein
bisschen davon verspürte. „Ehre sei Gott, ein
Wunder!“ rief der junge Mann. „Wenn ich die Wahrheit vor dir
verberge, dann zerreißt du deine Zunge in Widerrede“, sagte Abu Yazid,
„und wenn ich sie dir offenbare, kannst du sie nicht ertragen. Was soll
man mit einem wie dir machen?“ Nachdem Abu Yazid Medina besucht
hatte, erhielt er den Befehl zurückzukehren und sich um seine Mutter zu
kümmern. Sofort machte er sich auf den Weg nach Bistam, von einer Menge Leute
begleitet. Die Nachricht verbreitete sich schnell in der Stadt und die
Bewohner Bistams kamen eine gute Strecke vor die Stadt, um ihn zu begrüßen.
Abu Yazid war nahe daran durch ihr Tun von seiner Gottesaufmerksamkeit
abgelenkt zu werden. Als sie bei ihm angelangt waren, nahm er einen Laib Brot
aus seinem Ärmel und begann zu essen, obgleich man den Monat Ramadhan
schrieb. Als die Leute dies bemerkten, wendeten sie sich sofort wieder von
ihm ab. „Habt ihr gesehen“,
wandte sich Abu Yazid an seine Begleiter, „ich habe mich an die
Vorschrift des geheiligten Gesetzes gehalten und all diese Leute haben mich
zurückgewiesen.“ Geduldig warte er bis zum
Sonnenuntergang. Mitternacht betrat er Bistam, begab sich zu seiner Mutter
Haus und blieb eine Weile lauschend davor stehen. Er hörte das Geräusch
davon, dass seine Mutter die Gebetswaschung vollzog und sich ins Gebet begab. „Herr und Gott, kümmere Dich
um diesen Auswanderer. Mache die Herzen der Scheichs ihm gewogen und leite
ihn an, alle Dinge gut zu verrichten.“ Abu Yazid weinte, als er diese Worte
vernahm. Dann klopfte er an die Tür. „Wer ist da?“ rief seine
Mutter. „Dein Auswanderer,“ gab
er zur Antwort. Mit Tränen in den Augen öffnete
seine Mutter. Ihr Augenlicht war getrübt. „Taifur“, sprach sie
ihren Sohn an, „weißt du, was mir das Augenlicht genommen hat? Meine
vielen Tränen die ich vergossen habe, weil ich von dir getrennt war. Und mein
Rücken ist zweifach gekrümmt von der Last der Sorge, welche ich ertragen
habe.“ Die Erhebung Abu Yazids Abu Yazid erzählt folgendes. Ich blickte auf Gott mit dem Auge
der Gewissheit, nachdem Er mich auf die Stufe der Unabhängigkeit von allen
Geschöpfen erhoben und mein Herz mit Seinem Licht erleuchtet, mir die Wunder
Seiner Geheimnisse und die Erhabenheit seines ER-SEINS enthüllt hatte. Nach der Betrachtung Gottes wandte
ich den Blick auf mich selbst. Mein Licht war Dunkelheit im Vergleich zum
Licht Gottes, meine Erhabenheit versank in Nichts im Gegensatz zu Gottes
Größe und meine Ehre in Anmaßung im Vergleich zur Ehre Gottes. Hier war alles
Reinheit, alles ohne Makel. Als ich erneut schaute, sah ich mein
Selbst in Gottes Licht und ich verstand, dass mein Ruhm Seine Erhabenheit,
Sein Ruhm war. Was immer ich tat, ich tat es durch Seine Allmacht. Was immer das
Auge meines physischen Körpers erblickte, sah es durch Ihn. Ich schaute mit
dem Auge der Gerechtigkeit und Wirklichkeit; all meine Anbetung geht von Gott
aus, nicht von mir, obgleich ich immer angenommen hatte, dass ich es wäre,
welcher den Gottesdienst verrichtete. Ich sprach „Gott – was
ist das?“ „All das bin Ich – es
gibt nichts außer Mir.“ Dann drang Er in mein Auge ein,
damit es der Welt nicht mehr gewahr wäre und unterrichtete meiner Augen Blick
das Wesen der Dinge wahrzunehmen, das Sein Seines Seins. Er löschte mich
meinem Selbst aus und machte mich ewig durch Seine Ewigkeit und erhob mich.
Er offenbarte mir Sein eigenes Selbst, ungetrübt durch meine eigene Existenz.
So hat Gott, die eine Wahrheit, in mir die Wirklichkeit vermehrt. Durch Gott
erblickte ich Gott und gewahrte Seine Wirklichkeit. In diesem Zustand
verweilte ich für eine Weile in höchster Freude. Mein angestrengtes Ohr
machte ich dicht. Die Zunge der Sehnsucht steckte ich in die Kehle der
Enttäuschung. Das erworbene Wissen schickte ich in die Verbannung und
entfernte die Einmischung der Seele, welche sich um das Schlechte bemüht.
Dann hielt ich still für eine Weile, und mit der Hand Gottes Güte, wischte
ich alles Überflüssige vom Pfad der grundlegenden Prinzipien. Gott hatte
Erbarmen mit mir und gewährte mir ewiges Wissen und pflanzte mir eine Zunge
aus Seiner Güte ein Für mich erschuf Er ein Auge aus Seinem Licht und ich sah
alle Geschöpfe durch Gott. Mit der Zunge Seiner Güte sprach ich mit Gott und
aus dem Wissen Gottes bezog ich Wissen und durch Sein Licht erblickte ich
Ihn. Er sprach: „O du alles ohne
allem, mit allem, ohne Mittel mit allen Mitteln!“ Ich sagte: „O Gott, lass mich
durch solches nicht irregehen. Lass mich mit meinem eigenen Sein nicht
selbstzufrieden werden, und mich nicht mehr nach Dir sehnen. Besser ist es,
wenn Du mein ohne mich bist, als ich wäre mein ohne Dich. Besser ist es, dass
ich zu Dir durch Dich spreche, als wenn ich zu mir selbst ohne Dich
spräche.“ Er sprach, „Nun hör das
Gesetzt und überschreite nicht Meine Gebote und Meine Verbote, dass deine
Bemühungen Unseren Dank verdienen.“ Ich sagte, „Insoweit ich den
Glauben bekenne und mein Herz ihn bestätigt, ist es besser, wenn Du Dir
selbst dankst, denn Deinem Sklaven und wenn Du Vorwürfe machst, so bist Du
frei von allem Vorwurf.“ Er sagte, „Von wem hast du
gelernt?“ Ich sagte, „Der Fragende weiß
darüber besser Bescheid als der Befragte, denn Er ist sowohl der Begehrende
als auch der Begehrte, er ist der Antwortende und der welcher die Antwort
gibt.“ Nachdem Er die Reinheit meiner
innersten Seele erkannte, vernahm meine Seele einen Ruf der Befriedigung
Gottes; Er beschloss Sein Wohlgefallen über mich. Er erleuchtete mich und
befreite mich aus der Dunkelheit der fleischlichen Seele und der Verderbnis
fleischlicher Natur. Ich wusste, dass ich durch Ihn lebte; durch Seine Gnade
der Teppich der Glückseligkeit sich in meinem Herzen entrollte. Er sagte, „Bitte worum du auch
immer willst.“ Ich sagte, „Ich wünsche nur
Dich, denn Du bist größer als jedes Geschenk, gewaltiger als jede
Großzügigkeit und durch Dich habe ich habe ich die Zufriedenheit in Dir
gefunden. Seit Du mein bist, habe ich meinen Wunschzettel zusammengefaltet.
Halte mich nicht von Dir fern und biete mir nicht mir solches an, was
geringer ist als Du.“ Eine ganze Weile bekam ich keine
Antwort. Alsdann setzte Er mir die Krone der Freigebigkeit aufs Haupt und
sprach, „Du sprichst die Wahrheit und die Wirklichkeit erstrebst du
– und soweit hast du die Wirklichkeit gesehen und die Wahrheit gesprochen.“ Ich sagte, “Wenn ich gesehen
habe, habe ich durch Dich gesehen und wenn ich gehört habe, so geschah dies
durch Dich. Du bist der Erste der hört, dann erst hörte ich.“ Und auf mannigfaltige Weise pries
ich Ihn. Daraufhin verlieh er mir die Flügel der Majestät, mit welchen ich in
die Gefilde Seiner Erhabenheit entschwebte und die Wunder Seiner
Fertigkeiten betrachtete. In Kenntnis meiner Schwäche und Bedürftigkeit
verlieh Er mir aus Seiner Kraft und umgab mich mit Seinem Schutz der Zierde. Er setzte mir die Krone der
Freigebigkeit aufs Haupt und eröffnete mir das Tor Seiner Ein- und
Einzigkeit. Als Er erkannte, dass meine Eigenschaften in den Seinen
aufgegangen waren, schmückte Er mich mit einem der Namen Seiner Gegenwart und
sprach mit Seinem Selbst an. Die Einzigkeit wurde wirklich und Dualität
verschwand. Er sagte, „Unser Wohlgefallen
ist dein Wohlgefallen und dein Wohlgefallen ist Unser Wohlgefallen. Deine
Rede lässt kein Schändung zu und niemand zieht dich aufgrund Deiner Ich-heit
zur Verantwortung.“ Dann ließ er mich den Stich der
Eifersucht schmecken und alsdann belebte Er mich erneut und in Reinheit
entstieg ich dem Schmelzofen der Prüfung. Dann sprach Er. „Wessen ist das
Königreich.“ Ich sagte, “Dein.” “Wessen ist der Befehl?” Ich sagte, “Dein.” Er sagte, „Wessen ist die
Entscheidung?“ Ich sagte, “Dein.” Da diese Worte genau die gleichen
waren, als jene zu Beginn dieser Unterhaltung, wünschte Er mir zu zeigen,
dass, ginge Seine Barmherzigkeit über alles, fände die Schöpfung keine
Erlösung und wäre es nicht der Liebe willen, hätte die Allmacht vollkommene
Zerstörung über die Schöpfung gebracht. Er betrachtete mich durch das Auge
der Überwältigung durch das Medium des Allbezwingenden, sodass erneut
keinerlei Spur von mir selbst zu finden war. In meiner Trunkenheit warf ich mich
in jedes Tal. Ich schmolz meinen Körper in jedem feurigen Schmelztiegel Feuer
der Eifersucht. Ich galoppierte auf dem Ross des Strebens über die Ebene der
Wildnis Ich fand keine bessere Jagdbeute als
äußerste Bedürftigkeit, nichts Besseres fand ich als die völlige Unfähigkeit.
Keine Lampe sah ich heller leuchten denn das Schweigen, keine bessere Rede
vernahm ich als die der Sprachlosigkeit. Bewohner im Palast des Schweigens
wurde ich; ich kleidete mich im Wams der Glückseligkeit, bis die Dinge ihre
Entscheidung fanden. Er fand mein Äußeres und Inneres bar des Mangels
fleischlicher Natur. Er öffnete einen Riss der Erleichterung in meiner
verdunkelten Brust und verlieh mir eine Zunge der Trennung und Einheit. So
ist nun endlich die Zunge der ewiglichen Gnade mein, ein Herz göttlichen
Lichts und ein Auge göttlicher Machart. Durch Seine Hilfe spreche ich, durch
Seine Kraft greife ich. Und da durch Ihn ich lebe, werde ich niemals sterben. Da ich diese Station erreicht habe,
ist mein Merkmal ewiglich; mein Ausdruck für immer andauernd; meine Sprache
die Sprache der Einheit, mein Geist der Geist der Vielheit und Trennung.
Nicht aus eigenem rede ich, bloß als Erzähler, nicht aus eigenem rede ich,
als ein sich bloß Erinnernder. Er bewegt meine Zunge, gerade wie es Ihm
beliebt und in all dem bin ich nur ein Übersetzer. In Wahrheit ist Er der
Redner und nicht ich. Mich nun erhöht habend, sprach Er
wieder. „Die Geschöpfe sehnen sich
danach dich zu sehen.“ Ich sprach „Ich sehne mich nicht
danach sie zu sehen. Wenn Du beschließt, mich den Geschöpfen vorzuführen, so
werde ich mich Dir nicht widersetzen. Hülle mich in Deine Einheit, sodass,
wenn Deine Geschöpfe mich anblicken und Dein Handwerk erkennen, sie den
Künstler erblicken und ich gar nicht vorhanden bin.“ Diesen Wunsch erfüllte Er mir; und
er setzte mir die Krone der Freigebigkeit auf mein Haupt und veranlasste
mich, den Zustand meiner fleischlichen Natur zu überwinden. Dann sagte Er, „Tritt vor
Meine Geschöpfe.“ So trat ich einen Schritt aus der
Gegenwart und beim zweiten Schritt fiel ich kopfüber. Ich vernahm einen Ruf. „Bringt Meinen Geliebten
zurück, denn er kann ohne Mich nicht sein und auch kennt er keinen Weg außer
den zu Mir.“ Abu Yazid erzählte auch folgendes. Als ich das erste mal in die Einheit
trat und sie erkannte – lief ich für viele Jahre in diesem Tal auf den
Füssen des Verstehens, bis ich zu einem Vogel wurde, dessen Körper aus
Einheit gemacht war und dessen Schwingen aus Ewigkeit bestanden. Ich flog
lange durchs Firmament der Bedingungslosigkeit und als ich den geschaffenen Dingen entschwand, sprach ich. „Ich bin zum Schöpfer
gelangt.“ Darauf erhob ich meinen Kopf aus dem
Tal der Herrschaft. Ich stürzte einen Becher hinunter gegen den Durst der in
aller Ewigkeit nie gestillt wird. Dann flog ich dreißigtausend Jahre in der
Weite Seiner Einheit und weitere dreißigtausend Jahre flog ich in Seiner
Göttlichkeit und nochmals dreißigtausend Jahre in Seiner Einzigkeit. Als
neunzigtausend Jahre vergangen waren, sah ich Abu Yazid und alles was ich
sah, war – ich war alles. Darauf durchquerte ich viertausend
Wildnisse und kam ans Ende. Als ich aufblickte, erkannte ich mich am Anfang
der Stufe der Prophetenschaft. Eine ganze Weile bewegte ich mich in dieser
Ewigkeit weiter bis ich sprach, „Niemand gelangte jemals höher.
Erhabener als diese Position kann keine sein.“ Als ich genauer hinsah, bemerkte
ich, dass mein Kopf sich unter der Fußsohle eines Propheten befand. Da
erkannte ich, dass die höchste Stufe der Heiligen bis zum Anfang der Stufe
der Propheten reicht. Der Zustand über der Stellung der Propheten kennt keine
Bezeichnung. Dann durchdrang mein Geist das ganze
jenseitige Reich, und Himmel und Hölle erschienen ihm, doch nichts geschah,
was er nicht ertragen konnte. An keiner Seele eines Propheten zog er vorbei,
ohne ihm den Gruß zu entbieten und als er an die Seele des von Gott Erwählten
kam, Friede sei mit ihm, erblickte er hunderttausend uferlose Meere aus Feuer
und tausend Schleier aus Licht. Wäre ich auch nur mit einem Zeh in eines
dieser Meere eingetaucht, so wäre ich der vollständigen Vernichtung
überantwortet worden. Das erfüllte mich so mit Furcht und Verwirrung, dass
rein gar nichts mehr von mir übrig blieb. Dennoch wünschte ich, nur den
Zeltpflock von Muhammad, Gottes Gesandten, Pavillon sehen zu können. Ich
getraute mich nicht. Obwohl ich an Gott gelangt war, hatte ich nicht den Mut,
an Muhammad heranzutreten. Dann sagte Abu Yazid. „O Gott,
jedes Ding das ich sah, war ich. Es gibt keinen Weg zu Dir, solange dieses
“ich” noch vorhanden ist. Es gibt keinen Weg für mich, mein
Selbst zu überkommen. Was muss ich tun?“ Der Befehl kam, „Um aus Deiner
„Duheit“ befreit zu werden, folge unserem Geliebten, dem Araber
Muhammad. Salbe dein Auge mit dem Staub seiner Füße und folge ihm weiter
nach.“ Abu Yazid und Yahya-e Mu’adh Yahya-e Mu’adh schrieb einen
Brief an Abu Yazid und fragte, „Was sagst du zu einem Mann, der einen
Becher Wein geleert hat und von Ewigkeit zu Ewigkeit davon trunken
wurde?“ Abu Yazid antwortete, „Das
weiß ich nicht. Was ich aber weiß ist, dass es hier einen Mann gibt, der in
einer einzigen Nacht, einem einzigen Tag all die Meere der Ewigkeit geleert
hat und dann nach mehr verlangt hat.“ Yahya-e Mu’adh schrieb zurück,
„Ich muss dir ein Geheimnis sagen, doch unser Treffen wird im Paradies
stattfinden. Dort im Schatten von Tuba, will ich es dir sagen.“ Und mit
dem Brief schickte er einen Laib Brot mit der Botschaft, „Der Scheich
muss davon nehmen, denn ich habe es mit Zamzam Wasser geknetet.“ In seiner Antwort sagte Abu Yazid in
Hinblick auf Yahyas Geheimnis, „Was das Treffen anlangt, das du
erwähnst, ich erfreue mich schon jetzt – im Gedenken Seiner - des
Paradieses und des Schatten des Baumes. Und was das Brot betrifft, so kann
ich davon nicht nehmen. Du hast zwar erwähnt mit welchem Wasser du es
geknetet hast, doch nicht aus welchem Samen, den du gesät hast.“ Yahya-e Mu’adh überkam nun ein
großes Verlangen Abu Yazid zu besuchen. Er kam bei ihm eine Stunde vor dem
Nachtgebet bei ihm an. „Ich konnte den Scheich aber
nicht stören,“ erinnerte sich Yahya, „doch gleichzeitig konnte
ich mich nicht bis zum Morgen gedulden. Also begab ich mich an den Ort in der
Wüste, an dem mir gesagt worden war, dass er sich befände. Dort sah ich den
Scheich das Gebet vor dem Schlafengehen verrichten, doch er blieb bis zum
Morgen auf seinen Zehenspitzen stehen. Wie angewurzelt war ich voller
Staunen und verfolgte die ganze Nacht hindurch seine Andacht. Als der Morgen
anbrach, hörte ich ihn folgende Worte sprechen, „Ich nehme Zuflucht bei
Dir, Dich um diese Position zu bitten.“ Yahya riss sich zusammen und grüßte
Abu Yazid und fragte ihn, was ihm denn in dieser Nacht widerfahren wäre. „Mehr als zwanzig Zustände
wurden mir vorgeführt, „gab Abu Yazid ihm Auskunft, „doch ich
begehre nicht einen von ihnen, denn sie sind alle Zustände der
Verschleierung.“ „Meister, warum hast du Gott
nicht um Gnosis gebeten, Er ist doch der König der Könige, der sagte:
„Bittet Mich worum immer ihr wollt“? begehrte Yahya zu wissen. „Sei still“, rief Abu Yazid,
„ich bin auf mich selbst eifersüchtig, Ihn zu kennen, da ich nichts
anderes wünsche, als dass nur Er sich Selbst kenne. Wo Sein Wissen ist, was
habe ich dabei verloren? Das ist in Wirklichkeit Sein Wunsch, Yahiya, nur Er
und niemand anders, soll Ihn kennen.“ „Bei der Erhabenheit
Gottes,“ verlangte Yahya, „gib mir einen Teil jenes Gabe, welche
dir letzte Nacht zuteil wurde.“ „Wenn dir gegeben wäre die
Vorzüglichkeit Adams, die Heiligkeit Gabriels, die Freundschaft Abrahams, die
Sehnsucht des Moses, die Reinheit Jesu und die Liebe Muhammads, „gab
Abu Yazid zurück, “wäre dein Verlangen immer noch nicht gestillt. Nach
mehr, welches alles übersteigt wäre dein Begehr. Halte deine hohe Vision
aufrecht und steige nicht von ihr herab; denn wohin auch immer du dich herab
begibst, von dem wirst du verdeckt.“ Abu Yazid und seine Schüler Es gab zu Abu Yazids Zeit einen
außergewöhnlichen Asketen, der als Heiliger Bistams galt. Er hatte seine
eigenen Schüler und Bewunderer und gleichzeitig blieb er nie dem Kreis um Abu
Yazid fern, hörte all seinen Reden zu und saß unter dessen Gefährten. Eines
Tages sagte er zu Abu Yazid, „Meister, heute sind es dreißig Jahre,
dass ich ununterbrochen das Fasten einhalte. Auch bete ich in der Nacht,
sodass ich niemals schlafe, und dennoch entdecke ich keine Spur jenes Wissens
von dem du sprichst. Ich glaube an dieses Wissen über alles und liebe es
darüber zu hören.“ „Selbst wenn du dreihundert
Jahre lang fastest“, antwortete Abu Yazid, „wirst du kein
Fünkchen dieses Wissens entdecken.“ „Warum?“ fragte der
Schüler. „Weil du durch dein eigenes
Selbst verhüllt bist“, gab Abu Yazid zurück. „Was kann man dagegen
tun?“ wollte der Mann wissen. „Niemals wirst du dies
annehmen,“ antwortete Abu Yazid. „Doch das werde ich“,
widersprach der Mann, „also sag es mir, damit ich mich entsprechend
verhalte.“ „Also gut“, sagte Abu
Yazid, „dann geh sofort und lasse dir deine Haare und deinen Bart
abschneiden. Zieh diese Kleider aus, die du anhast und binde dir ein Hüfttuch
aus Ziegenfell um. Hänge dir ein Säckchen voller Nüsse um den Hals, geh dann
auf den Marktplatz, rufe alle Kinder zu dir und sag ihnen, dass du jedem von
ihnen eine Nuss geben wirst der dich schlägt. Auf diese Weise gehe durch die
ganze Stadt, besonders dorthin wo man dich kennt. Das ist dein
Heilmittel.“ „Alles Lob gebührt Gott! Es
gibt keinen Gott außer Gott“, rief der Schüler, als er diese Worte
gehört hatte. „Wenn ein Ungläubiger diese
Worte gerufen hätte, würde er ein Gläubiger geworden sein“, merkte Abu
Yazid an, „aber du bist durch deinen Ausruf zu einem Polytheist
geworden.“ „Warum das?“ wollte der
Schüler wissen. „Weil du dich selbst als zu
erhaben einschätzt um das zu tun, was ich dir gesagt habe“, erklärte
Abu Yazid, „Dadurch bist du zu einem Polytheisten geworden. Du hast
diesen Ausruf getan, um deine eigene Bedeutung hervorzuheben, nicht um Gott
zu loben.“ „Das kann ich nicht
tun“, protestierte der Mann, „gib mir eine andere
Empfehlung.“ „Das Heilmittel für dich habe
ich dir genannt“, erklärte Abu Yazid. „Ich kann das nicht
tun“, wiederholte der Mann. „Habe ich dir nicht gleich
gesagt, du würdest es nicht tun können, dass du mir nicht gehorchen
würdest?“ sagte Abu Yazid. Geschichten über Abu Yazid „Zwölf Jahre lang“,
sagte Abu Yazid, „war ich der Schmied meiner Seele. Ich warf sie in den
Schmelzofen der Disziplin und ließ sie von brennender Anstrengung glühend rot
werden., dann legte ich sie auf den Amboss des Wiederantritts und klopfte sie
mit dem Hammer der Selbstanklage, bis ich aus meiner Seele einen Spiegel
geschmiedet hatte. Fünf Jahre lang war ich mein eigener Spiegel, den ich mit
jedem Mittel der guter Tat und des Gehorsams polierte. Danach betrachtete ich
mein Spiegelbild ein Jahr lang und entdeckte um meine Hüften einen Gürtel des
Selbstbetrugs, der Einbildung und Ichsucht, denn ich hatte mich auf meine
guten Taten verlassen und mein Betragen gut geheißen. Weitere fünf Jahre
hatte ich zu arbeiten, bis ich diesen Gürtel abgelegt hatte und wieder ein
neuer Muslim geworden war. Ich betrachtete die Geschöpfe und entdeckte, dass
sie tot waren. Ich sprach vier Allahu Akbar über sie und nachdem ich von
ihren Totenfeiern zurückgekehrt war, ohne die Drängelei der Geschöpfe Gottes,
gelangte ich zu Gott Und Immer wenn Abu Yazid an eine
Moscheetür gelangte, blieb er weinend eine Weile davor stehen. „Warum tust du so?“
wurde er gefragt. „Ich fühle mich wie eine
menstruierende, die sich schämt die Moschee zu betreten“, antwortete
er. Eines Tages brach Abu Yazid auf eine
Reise nach dem Hedjaz auf, doch kaum war er aufgebrochen, kehrte er auch
schon wieder um. „Niemals hast du bislang etwas
nicht erreicht, was du dir vorgenommen hattest. Warum dieses
Mal?“ wurde er gefragt. “Ich war gerade in Richtung
Mekka aufgebrochen”, gab er zur Antwort, “da sah ich einen
schwarzen Mann mit gezogenem Schwert „Wenn du nun umkehrst schön und
gut. Wenn nicht, werde ich dir den Kopf abschlagen. Du hast Gott in Bistam
zurückgelassen und bist ohne ihn zum geheiligten Haus
aufgebrochen““ „Ein Mann sprach mich auf der
Strasse an“, erinnerte sich Abu Yazid, „Wohin gehst du?“
wollte er wissen. „Auf die Pilgerfahrt“,
gab ich zur Antwort. „Wie viel Geld hast du
dabei?“ „Zweihundert Dirham.“ „Komm und gib sie mir“,
verlangte der Mann, „ich habe Familie. Umkreise mich sieben Mal. Das
sei deine Pilgerfahrt.“ „Genauso machte ich es und
kehrte dann nach Hause zurück.“ Pir Omar berichtete, dass wenn Abu
Yazid sich in die Abgeschiedenheit zurückziehen wollte, um sich dem
Gottesdienst oder der Meditation zu widmen, betrat er die Klause und verschloss
sorgsam jede Öffnung. „Ich fürchte, ich werde von
irgendeinem Geräusch oder Stimmen gestört“, meinte er. Das war aber eine Ausrede. Isa-ye Bistami berichtete,
„Dreizehn Jahre war ich mit dem Scheich zusammen und nie hörte ich den
Scheich ein einziges Wort sprechen. Seine Angewohnheit war, seinen Kopf auf
die Knie zu legen. Manchmal hob er
seinen Kopf, seufzte und kehrte wieder in seine Meditation zurück.“
Sahlagi meinte dazu, dass dies Abu Yazids Verhalten war, wenn er sich im
Zustand des „Zusammenziehens“ befand. An den Tagen, wenn er sich
im Zustand der „Ausdehnung“ befand, profitierte jedermann in
höchstem Maße von seinen Ausführungen. „Einmal,“ fuhr Sahlagi
fort, „als er sich im Zustand des „Zurückziehens“ befand,
sagte er folgendes, „Lob sei mir! Wie groß ist meine Würde.“ Wenn
er wieder zu sich kam und seine Schüler ihm erzählten, welche Worte über
seine Lippen gekommen waren, wie „Gott ist dein Gegenspieler und Abu
Yazid ist dein Gegenspieler“, sagte er zu ihnen. „Wenn ich noch
einmal solches von mir gebe, haut mich in Stücke.“ Und er gab jedem
seiner Schüler ein Messer mit den Worten „Wenn solche Worte wieder über
meine Lippen kommen, schlachtet mich mit diesen Messern.“ „Und es geschah, dass er
solche Worte wieder sprach. Seine Schüler machten sich bereit ihn zu töten
und es war, als ob Abu Yazid das ganze Zimmer ausfüllte. Abu Yazids Schüler
brachen die Mauer auf und stachen mit ihren Messern auf ihn ein, aber es war,
als stießen sie in Wasser. Kein Stich hatte auch nur die geringste Wirkung.
Nach einer Zeit verflüchtigte sich Abu Yazids Form und er erschien klein wie
ein Sperling, der in der Gebetsnische saß. Seine Gefährten betraten den Raum
und erzählten ihm was passiert war. „Es ist Abu Yazid, den ihr jetzt
seht“, meinte er, „vorher, das war nicht Abu Yazid.“ Einmal nach Abu Yazid einen roten
Apfel in die Hand und betrachtete ihn. „Ist das ein schöner
Apfel“, sagte er. Eine innere Stimme sprach zu ihm. „Abu Yazid schämst du dich
nicht, meinen Namen einer Frucht zu verleihen?“ Vierzig Tage lang war er danach
Gottes Namen nicht bewusst. „Ich habe einen Schwur
getan“, erklärte der Scheich, „solange ich lebe, niemals eine
Frucht aus Bistam zu essen.“ „Als ich eines Tages so da
saß“, erinnerte sich der Scheich, „kam ich auf den Gedanken
„Ich bin der Scheich dieser Zeit, der Heilige dieses
Jahrhunderts.“ Im gleichen Moment wusste ich, dass ich einen gewaltigen
Fehler gemacht hatte. Ich erhob mich und machte mich auf nach Khorasan. Ich
gelangte in eine Herberge und beschloss diese nicht mehr zu verlassen, bis
mich irgendwer wieder zu mir zurückbrachte. Drei Tage und Nächte verweilte ich
dort. Am vierten Tag sah ich einen Einäugigen auf einem Kamel auf die
Herberge zukommen. Als ich ihn näher betrachtete, bemerkte ich an ihm die
Zeichen der göttlichen Bewusstheit. Ich bedeutete dem Kamel stehen zu bleiben
und sofort ging es in die Knie. Der Mann starrte mich an. „Du lässt mich den ganzen Weg
kommen“, sagte er, „um ein Auge zu öffnen, welches geschlossen
war, eine Tür zu öffnen, welche versperrt war und um die Menschen aus Bistam
zusammen mit Abu Yazid zu ertränken?“ Ich swooned aw Abu Yazid. „Seit
wann bist du unterwegs?“ fragte ich. „Seit dem Moment, als du den
Schwur getan hast, bin ich unterwegs. Dreitausend Lagen bin ich
gereist.“ Dann fügte mein Besucher hinzu „Pass auf Abu Yazid!
Pass auf dein Herz auf.“ Mit diesen Worten wandte er sich von mir ab
und entfernte sich wieder.“ Dhul `l-Nun schickte dem Abu Yazid
einen Gebetsteppich und Abu Yazid sandte ihm ihn wieder zurück. „Wofür brauche ich einen
Gebetsteppich?“ wollte er wissen. „Schick mir ein Polster, an
welchen ich meinen Rücken stützen kann.“ (Er wollte damit zum Ausdruck
bringen, dass er den Zustand über das Gebet hinaus und das Ziel erreicht
hatte.) Dhul `l-Nun sandte ihm ein schönes
Polster. Abu Yazid schickte ihm auch dieses zurück, denn zu diesem Zeitpunkt
war von Abu Yazid nichts mehr außer Haut und Knochen übrig geblieben. „Jemand, der als
Polster“, sagte er, „ die Güte und liebende Fürsorge Gottes
besitzt, hat keinen Bedarf für ein Polster von einem der Geschöpfe
Gottes.“ „Einmal verbrachte ich eine
Nacht in der Wüste“, erinnerte sich Abu Yazid. „Ich wickelte
meinen Kopf in mein Gewand und schlief ein. Da überkam mich ein nächtlicher
Zustand (er meinte einen nächtlichen Samenerguss), welcher nach einem Bad
verlangte. Nun war es extrem kalt in dieser Nacht und meine Seele war gar
nicht begeistert, ein Bad in kaltem Wasser zu nehmen. „Warte bis die
Sonne aufgegangen ist und dann geh ans Baden“, riet meine Seele. „Als ich mir die Nachlässigkeit
meiner Seele und ihren Widerwillen sich den religiösen Vorschriften zu beugen
bewusst machte, brach ich mit meinem Gewand das Eis auf, wusch mich damit und
wickelte mich dann in das gleiche Tuch ein, bis ich in Ohnmacht fiel. Als ich
wieder zu mir kam, war der Umhang plötzlich getrocknet.“ Oft wanderte Abu Yazid zwischen den
Gräbern. Eines Nachts kam Abu Yazid vom Friedhof zurück, als ihm ein Jüngling
aus noblem Haus entgegenkam, der die Laute spielte. „Gott behüte uns“, rief
Abu Yazid. Der Jüngling hob die Laute und zerschmetterte sie auf Abu Yazids
Kopf. Er war betrunken und wusste gar nicht, gegen wen er die Hand erhoben
hatte. Abu Yazid kehrte zu sich nach Hause
zurück und wartete bis zum Morgen. Dann begab er sich zu seinen Gefährten und
fragte. „Wie viel geben die Leute für eine Laute?“ Die Leute
sagten es ihm und er wickelte diesen Betrag in ein Tuch, legte ein Stück
Kuchen dazu und schickte alles an den jungen Mann. „Sagt dem jungen Herrn“,
trug er ihnen auf, „dass Abu Yazid ihn um Vergebung bittet. Sagt zu ihm
„Letzte Nacht hast du mich mit einer Laute geschlagen und sie zerbrach.
Nimm diese Wiedergutmachung an und kaufe dir eine neue. Der Kuchen ist, um
dein Herz über den Verlust der Laute zu trösten.““ Als dem jungen Mann somit klar wurde,
was er getan hatte, begab er sich zu Abu Yazid und bat ihn um Vergebung. Er
bereute und viele jungen Männer bereuten mit ihm. Eines Tages war Abu Yazid mit
einigen seiner Schüler unterwegs. Die Gasse verengte sich stark und just in
diesem Moment kam ein Hund von der anderen Seite. Abu Yazid blieb stehen und
ließ dem Hund den Vortritt. Einem seiner Schüler gefiel dies gar nicht.
„Der Allmächtige Gott hat den Menschen über alle anderen Geschöpfe
erhoben und geehrt. Abu Yazid ist der „König, der mit geheiligtem
Wissen Begnadeten“, mit all seiner Würde, die er innehat, mit all
diesen Schülern die ihm folgen, macht er einem Hund Platz. Wie kann das
sein?“ „Junger Mann“, gab Abu
Yazid zur Antwort, „dieser Hund wandte sich schweigend an mich,
„Was habe ich mir am Beginn der Zeit zuschulden kommen lassen, und
welcher außerordentlicher Verdienst kam dir zu, dass ich mit dem Fell eines
Hundes bekleidet bin und du im Ehrengewand des „Königs der
Gnostiker“ des Weges kommst?“ Das war es, was ich denken musste,
und deswegen machte ich dem Hund Platz. Als Abu Yazid eines Tages unterwegs
war, lief ein Hund neben ihm her. Abu Yazid zog sein Gewand näher zu sich. „Wenn ich trocken bin, ist
kein Schaden“, sagte der Hund. Wenn ich nass bin, werden sieben Wässer
und sieben Erden Frieden zwischen uns stiften. Doch wenn du dein Gewand an
dich raffst, wie ein Pharisäer, wirst du dadurch nicht rein und wenn du in
sieben Meeren ein Bad nimmst.“ „Du bist äußerlich
unrein“, gab Abu Yazid zurück, „und ich bin innerlich unrein.
Komm, lass uns zusammenarbeiten, damit durch unsere vereinten Bemühungen wir
beide rein werden.“ „Du bist es nicht gut genug,
mit mir zusammen unterwegs und mein Partner zu sein“, antwortete der
Hund. „Denn ich werde von allen Menschen zurückgewiesen, wohingegen du
von allen begrüßt wirst. Wer mir begegnet, wirft einen Stein nach mir, wer
dir begegnet, nennt dich den „König der Gnostiker“. Niemals hebe
ich mir einen Knochen für morgen auf und du hast einen ganzen Sack Mehl für
morgen.“ „Ich bin nicht gut genug, um
mit einem Hund unterwegs zu sein“, sagte Abu Yazid, „Wie sollte
ich dann mit dem Ewigen unterwegs sein? Ehre sei Gott, der das beste Geschöpf
durch das niedrigste Geschöpf belehrt!“ Abu Yazid fuhr fort, „Eine
Traurigkeit überkam mich und ich zweifelte daran, ein gehorsamer Sklave
Gottes zu sein. Ich sagte mir. „Ich werde mir auf dem Markt einen
Gürtel (von einem Nicht-Muslim gewoben) kaufen und mir umbinden, damit mein
Ansehen unter den Menschen schwindet.“ Also ging ich einen Gürtel suchen.
Ich fand in einem Geschäft so einen Gürtel hängen und dachte mir „Den
werden sie mir um nur einen Dirham verkaufen“. Ich fragte „Um wie
viel gibst du mir diesen Gürtel?“ „Eintausend Dinar“, sagte
der Verkäufer. Mir fiel der Kopf hinunter. Da hörte ich eine Stimme vom
Himmel „Hast du nicht festgestellt, dass sie nicht unter eintausend
Dinar jemandem wie dir einen Gürtel umbinden lassen?“ Mein Herz war
erleichtert, denn ich wusste, dass Gott sich um seinen Sklaven
kümmerte.“ Eines Nachts träumt Abu Yazid, dass
die Engel des ersten Himmels hernieder stiegen. „Erhebe dich“, sprachen
sie zu ihm, „und uns gemeinsam Gottes gedenken“. „Ich habe nicht die Zunge, Ihn
zu lobpreisen“, antwortete er ihnen. Die Engel des zweiten Himmels
stiegen hernieder und sprachen die gleichen Worte. Auch die Antwort war die
gleiche. So ging das weiter, bis die Engel des siebenten Himmels herab
gestiegen waren. „Nun gut, wann wirst du dann
die Zunge haben, um Gott zu lobpreisen?“ fragten sie. „Wenn die Bewohner der Hölle
in der Hölle festgebunden sind und die Bewohner des Paradieses ihren Wohnort
bezogen haben und die Auferstehung bereits geschehen ist – dann“,
so sagte er, „dann wird Abu Yazid den Thron Gottes umkreisen und rufen
„Allah, Allah!““ Ein Zoroastrer war der Nachbar Abu
Yazids. Dessen Kind weinte regelmäßig, der keine Lampe im Haus war. Da
brachte Abu Yazid mit eigenen Händen eine Lampe ins Haus und sofort war das
Kind still. „Seit Abu Yazids Licht in
unser Haus kam, wäre es traurig für uns in unserer Dunkelheit zu
beharren“. So wurden sie Muslime. Eines Nachts fand Abu Yazid keine
Freude im Gottesdienst. „Schaut mal ob sich da irgend
etwas Wertvolles im Haus befindet“, sagte er. Seine Schüler suchten und fanden ein
halbes Bund Weintrauben. „Nehmt sie und schenkt sie
fort“, befahl Abu Yazid. „Mein Haus ist kein
Gemüsegeschäft.“ So gelangte er wieder seine übliche
Verfassung. Eines Tages berichtete ein Mann Abu
Yazid. „In Tabarestan ist ein bestimmter Mann gestorben. Ich habe dich
dort zusammen mit Khidr, der Friede sei mit ihm, gesehen. Er hatte seine Hand
auf deinen Nacken gelegt und deine Hand ruhte auf seinem Rücken. Als die
Leute vom Begräbnis zurückkamen, sah ich, wie du dich in Luft
auflöstest.“ „Ja“, sagte Abu Yazid,
„was du gesehen hast ist vollkommen richtig.“ Ein Mann, der nicht an Abu Yazid
glaubte, kam zu ihm und wollte ihn prüfen. „Gib mir die Antwort auf
die-und-die Frage,“ sagte er. Abu Yazid erkannte den Unglauben in
ihm. „In einem bestimmten
Berg“, erzählte er ihm, „gibt es eine Höhle. In dieser Höhle lebt
einer meiner Freunde. Frag ihn nach der Antwort”. Eilig brach der Mann zu dieser Höhle
auf. Dort erblickte er einen schrecklich großen Drachen. Vor Schreck fiel er
in Ohnmacht und machte sich in die Hosen. Als er wieder zu sich kam, lief er
so schnell davon, dass er seine Schuhe dabei verlor. Er begab sich zu Abu
Yazid und bat ihn um Vergebung. „Ehre sei Gott“, rief
Abu Yazid, „du kannst aus lauter Furcht vor einem Geschöpf nicht auf
deine Schuhe Acht geben, wie kannst du nach einer „Offenbarung“
suchen, die du in deinem Unglauben kamst zu finden?“ Eines Tages trat ein Mann bei Abu
Yazid ein und befragte ihn in einer unverschämten Weise die nicht zu
überbieten war. Abu Yazid antwortete ihm und der Mann wurde zu Wasser. Gerade
in diesem Augenblick betrat ein anderer Mann den Raum und erblickte eine
riesige Wasserlache am Boden. „Meister, was ist das?“
fragte er. „Ein Mann ist zu mir gekommen
und hat mich über die Scham befragt“, antwortete Abu Yazid,
„konnte meine Antwort nicht ertragen und verwandelte sich aus lauter
Scham in Wasser.“ Hatim der Taube sagte zu seinen
Schülern, „Wer am Tage der Auferstehung nicht für die Bewohner der
Hölle Fürbitte leistet, ist keiner meiner Schüler.“ Diese Aussage wurde dem Abu Yazid
überbracht. „Ich sage“, erklärte Abu
Yazid, „jener ist mein Schüler, der am brink der Hölle steht und jeden
an der Hand nimmt, der in die Hölle geworfen wurde und in den Himmel bringt
und dann seinen Platz in der Hölle einnimmt.“ Als die Armee des Islams sich im
Krieg gegen Byzanz befand und nahe daran war besiegt zu werden, hörten sie
plötzlich einen lauten Ruf, „Abu Yazid hilf!“ Sofort kam eine Hitze aus der Richtung von
Khorasan, sodass die Armee der Ungläubigen von Furcht befallen wurde und die
Armee des Islams siegte an diesem Tag. Abu Yazid wurde gefragt, „Wie
hast diesen vollkommen Grad und diesen Rang erreicht?“ „Eines Nachts, als ich noch
ein Kind war“, gab er zur Antwort „kam ich aus Bistam heraus. Der
Moon schien hell und friedlich lag das Land da. Da nahm ich eine Gegenwart
wahr, gegen welche achtzehntausend Welten wie eine Motte sind. Ein tiefes
Gefühl überkam mich und eine gewaltige Ekstase übermannte mich. „Herr,
Gott“, rief ich, „so ein riesiger Palast, und so leer! Werke so
erhaben, und solche Einsamkeit!“ Eine Stimme vom Himmel rief mir zu,
„Der Palast ist nicht leer, weil keiner zu ihm kommt; er ist leer weil
Wir nicht wünschen und sundry, dass alle ihn betreten. Nicht jedes
ungewaschene Gesicht ist es wert, diesen Palast zu bewohnen.“ „Ich beschloss für alle
Geschöpfe zu beten. Dann kam mir der Gedanke, „Der Rang für andere
Fürbitte zu leisten kommt Muhammad, Friede mit ihm, zu“, so benahm ich
mich und eine Stimme sprach mich an, „wegen dieses einen guten
Benehmens habe ich deinen Namen erhöht, so dass dich die Menschen bis zum Tage
der Auferstehung den „König der Gnostiker“ nennen
werden.““ „Als ich das erste Mal das
Heilige Haus besuchte“, erklärte Abu Yazid, „sah ich das Heilige
Haus. Das zweite Mal sah ich den Herrn des Hauses. Das dritte Mal sah ich
weder das Haus, noch den Herrn des Hauses.“ Abu Yazid meinte damit,
„Ich war so in Gott verloren, dass ich nichts mehr unterschied. Hätte
ich etwas gesehen, so hätte ich Gott gesehen.“ Der Beweis für diese
Auslegung liefert folgende Geschichte. Ein Mann kam zur Tür Abu Yazids und
rief laut. „Wen suchst du?“ fragte
Abu Yazid. „Abu Yazid“, antwortete
der Mann. „Armer Kerl“, sagte Abu
Yazid, „ich suche den Abu Yazid nun seit dreißig Jahren und kann nicht
die geringste Spur von ihm entdecken.“ Dies erzählte man dem Dhu `l-Nun. Er
merkte dazu an, „Gott erbarme sich meines Bruders Abu Yazids! Er ist
verloren gegangen in der Gemeinschaft jener, die in Gott verloren
sind.“ Abu Yazids Aufgehen in Gott war so
vollkommen, dass jeden Tag, wenn ihn einer seiner Schüler rief, der seit
zwanzig Jahren nicht von seiner Seite gewichen war, er zu sagen pflegte,
„Mein Sohn, wie heißt du?“ „Meister“, sagte der
Schüler eines Tages, „du nimmst mich auf den Arm. Zwanzig Jahre lang
diene ich dir nun und jeden Tag fragst du mich nach meinem Namen.“ Mein
Sohn“, antwortete Abu Yazid, „ich will dich nicht ärgern. Doch
Sein Name hat mein Herz erreicht und alle anderen Namen daraus vertrieben.
Sobald ich einen neuen Namen höre, vergesse ich ihn sofort wieder.“ „Der Allmächtige Gott“,
sagte Abu Yazid hat mich in Seine Gegenwart in zweitausend Rängen verbracht
und in jedem Rang hat Er mir ein Königtum angeboten, doch habe ich sie
abgelehnt. Gott sprach zu mir, „Abu Yazid, was willst du?“ Ich
gab zur Antwort, „Ich wünsche nicht zu wünschen!“ „Du wandelst auf dem
Wasser“, so sagten sie. „Nichts anderes tut ein Stück
Holz“, gab Abu Yazid zurück. „Du fliegst durch die
Luft!“ „Das tut ein Vogel
auch.“ „Du reist zur Kaaba in einer
Nacht!“ „Jeder Zauberkünstler reist
von Indien nach Demavand in einer Nacht.“ „Was ist dann eine angemessene
Aufgabe für einen wahrhaftigen Mann?“ fragten sie. „Ein wahrhaftiger Mann,
schenkt sein Herz niemand anderem als Gott“, antwortete er. „Dreimal habe ich mich von der
Welt geschieden“, sagte Abu Yazid, „und reiste allein zu dem
Alleinigen. Ich stand vor der Gegenwart und weinte, „Gott, ich verlange
nach niemandem als nach Dir. Wenn ich Dich habe, habe ich alles.“ Als Gott meine Aufrichtigkeit
bemerkte, war die erste Gabe die Er mir verlieh, dass er die Spreu des Selbst
von vor mir entfernte.“ „Was ist der Thron?“
wurde Abu Yazid gefragt. „Er ist ich“, antwortete
er. „Was ist der Schemel?“ „Ich.“ „Was ist die Tafel und der
Griffel?“ „Ich.“ „Gott hat Sklaven wie Abraham
und Moses und Jesus.“ „Alle sind ich.“ „Gott at Sklaven wie Gabriel
und Michael und Seraphiel.“ „Alle sind ich.“ Nun schwieg der Mann. „Wer immer in Gott ausgelöscht
wurde“, sagte Abu Yazid, „und die Wirklichkeit alles Seienden
erreicht – alles ist Gott.“ Es wird erzählt, dass Abu Yazid
siebzig Mal die Nähe der Gegenwart Gottes erreichte. Jedes Mal wenn er davon
zurückkam, band er einen Gürtel um und zerbrach ihn dann. Als sich sein Leben dem Ende
näherte, begab er sich in die Gebetsnische und band sich einen Gürtel um. Er
zog seine Pelzjacke und seine Kappe verkehrt herum an. Dann sagte er,
„O Gott ich habe mich ein ganzes Leben lang nicht gerühmt. Ich lasse
nicht alle meine nächtlichen Gebete vorüber ziehen. Ich spreche nicht über
die vielen Fasten meines Lebens. Ich zähle nicht die vielen Male, die ich den
Qur’an rezitierte. Ich erzähle nicht von meinen spirituellen
Erlebnissen und Annäherungen. Du weißt, ich schaue auf nichts zurück und
dass das, was meine Zunge benennt, sie nicht aus Stolz berichtet. Ich zähle
es auf, weil ich mich schäme ob dessen, was ich alles getan habe. Du hast
mich mit der Gnade bedacht, mich so zu sehen. All dies ist nichts, erachte es
als nichtig. Ich bin ein alter Turkmene mit siebzig Jahren, dessen Haar in
Heidentum weiß geworden ist. Nun komme ich aus der Wüste und rufe Tangri
Tangri. Erst jetzt lerne ich Allah Allah zu sagen. Erst jetzt zerbreche ich
meinen Gürtel. Erst jetzt trete ich ein in den Kreis des Islam. Erst jetzt
bewegt sich meine Zunge nach dem Glaubensbekenntnis. Alles was Du tust,
bedarf keiner Ursache. Du nimmst nicht aufgrund der Gehorsamkeit an und Du
lehnst nicht aufgrund von Ungehorsamkeit ab. Alles was ich getan habe, zählt
nicht mehr als Staub für mich. Was immer Du von mir gesehen hast, das Deiner
Gegenwart nicht gefiel, wirf Deine Vergebung darüber und wasche den Staub der
Ungehorsamkeit von mir, denn ich habe den Staub der Voreingenommenheit von
mir gewaschen, dass ich Dir gehorcht hätte.“ Hanel, Schweiz 2005 |